An der Serpentine Gallery in London entstehen jährlich neue Pavillons berühmter Architekten.

Zoomen wir doch mal ran: Vom Rande des Weltalls aus schauen wir hinab auf Europa – genauer: auf die britischen Inseln. Selbst aus dieser Höhe fällt einem die Welt-Metropole London wegen ihrer gewaltigen Ausdehnung sofort ins Auge. Schauen wir genauer hin, fällt ein großer, grüner Bereich im Stadtgebiet auf: der Hyde-Park. Einer der größten und, neben dem New Yorker Central-Park, gewiss berühmtesten innerstädtischen Parks. Die Speakers' Corner trägt einen wichtigen Teil zu seiner weltweiten Bekanntheit bei.

Die Speakers' Corner befindet sich in der nordöstlichen Ecke des Parks und ist als solche zunächst ziemlich unscheinbar und unspektakulär: ein runder, grüner Pavillon, der einen Kiosk beheimatet. Aber natürlich kommt man der Faszination der Speakers' Corner nicht mit einer Ortsbestimmung bei – es sind die Menschen, die faszinieren, jene, die sich auf Kisten und Trittleitern stellen und lautstark Vorträge halten – ungefiltert, unzensiert und zu jedem beliebigen Thema. Seit 1872 darf jeder hier unangemeldet seine Meinung kundtun. Und auch wenn man hier meist Obskures zu hören bekommt, traten schon die Herren Marx, Lenin und George Orwell als Redner in Erscheinung. Erstaunliche Parallelen zum Konzept Speakers' Corner weist die Serpentine Gallery auf, die sich nur wenige Meter entfernt in den direkt an den Hyde Park grenzenden Kensington Gardens befindet.

Katherm Bodenkanalheizungen an der Glasfront

Perfekt in die Rundung der Glasfront schmiegen sich Katherm Bodenkanalheizungen von Kampmann.

Die Serpentine Gallery verdankt ihren Namen dem gleichnamigen See, den die Kensington Gardens und der Hyde Park gemeinsam beherbergen. Das Kunstmuseum wurde 1970 gegründet und stellt vor allem moderne Kunst aus. Die Gallery ist in einem neo-klassizistischen Teehaus aus dem Jahr 1934 beheimatet, das am Südufer der Serpentine liegt. Seit 2013 ist die Serpentine Sackler Gallery Teil des Museums. Hierfür wurde ein altes Schießpulver-Magazin, „The Magazine“, das auf der gegenüberliegenden Seeseite steht und zuletzt nur als Lager genutzt wurde, saniert und spektakulär erweitert. Die leider überraschend im März 2016 verstorbene Zaha Hadid hat das klassizistische Magazine behutsam saniert – der historische Bau blieb in seiner ursprünglichen Erscheinung erhalten. Hingegen hat die vielfach ausgezeichnete Architektin dem alten Gebäude mit seinen geraden Linien und vielen rechten Winkeln einen Anbau zur Seite gestellt, der kontrastierender nicht sein könnte: Fließend und dynamisch spannt sich eine an ein Zelt erinnernde Konstruktion schneeweiß als Dach auf. Schwerelos wirkt das; wie ein fallendes Leinentuch. Diese Leichtigkeit wird von den teils stark gewölbten Fensterfronten unterstützt, die innen fast ein Gefühl von draußen schaffen. Ohnehin ist Licht und Transparenz zentrales Thema: Das weiße Glasfaser-Dach ist lichtdurchlässig und die fünf konisch-organisch, als Rinne geformten Gebäudestützen leiten Tageslicht in den Raum. Federleicht und hell ist „The Magazine“ ein herausragendes Stück Architektur. Dazu tragen auch die Bodenkanalheizungen bei. Kampmann hat maßangefertigte Sonderkanäle geliefert, die die dramatischen Kurven der Fensterfront exakt aufnehmen. Sicher hätte man auch mit Gehrungsschnitten arbeiten können, aber wer das jetzige Ergebnis sieht, der versteht die Entscheidung der Planer, hier zur Sonderlösung zu greifen: Die Katherm fügen sich harmonisch in das Ganze und haben so, neben der Heiz- auch eine gestalterische Funktion.

Aber zurück zur Speakers' Corner und seiner Parallele zur Serpentine Gallery. Seit dem Jahr 2000 gestalten namhafte Architekten jedes Jahr einen temporären Pavillon auf dem Gelände vor dem alten Teehaus. Und namhaft heißt: Daniel Libeskind, Oscar Niemeyer, Frank Gehry, Ai Weiwei, Herzog & de Meuron und andere. Auch Zaha Hadid hat bereits einen Pavillon geschaffen. Dadurch, dass die Bauten keinem praktischen Nutzen dienen müssen – sie frei sind von Wünschen eines Bauherren oder anderen bürokratischen Vorgaben – können die Architekten hier ganz ihrem Herzen, ihrer Vision folgen. Die Ergebnisse sind ebenso vielfältig wie faszinierend. Der pure Ausdruck architektonischer Kreativität; avantgardistisch, aufregend und inspirierend. Analog zu Speakers' also eine Architects‘ Corner. Sehen Sie hier einige Pavillons der vergangenen Jahre:

Pavillon 2000 – designed by Zaha Hadid

Pavillon 2000 – designed by Zaha Hadid
WIE EINE ERSTE SKIZZE ZUR 2013 fertig gestellten Erweiterung der Serpentine Sackler Gallery wirkt der 2000er-Pavillon der irakischen Architektin Zaha Hadid. Es ist der erste temporäre Serpentine-Pavillon.

Pavillon 2001 – designed by Daniel Libeskind with Arup

Pavillon 2001 – designed by Daniel Libeskind with Arup
DANIEL LIBESKIND hat unter anderem das Jüdische Museum in Berlin gestaltet und war am One World Center beteiligt. Er wird oft als Vertreter des Dekonstruktivismus bezeichnet. In London zeigte er, wieso.

Pavillon 2003 – designed by Oscar Niemeyer

Pavillon 2003 – designed by Oscar Niemeyer
ES GIBT ARCHITEKTEN, deren Stil so einzigartig und unverkennbar ist, dass man ein Werk von ihnen sofort erkennt. Bei Oscar Niemeyer, dessen Gebäude für Brasilia längst Weltkulturerbe sind, ist das auch so.

Pavillon 2008 – designed by Frank Gehry

Pavillon 2008 – designed by Frank Gehry
ÄHNLICH WIE BEI NIEMEYER ist es bei Frank Gehry. Sein dekonstruktivistischer Baustil ist nicht erst seit dem Guggenheim-Museum in Bilbao weltberühmt. Seinem Stil bleibt er auch im Hyde Park treu.

Pavillon 2012 – designed by Herzog & de Meuron and Ai Weiwei

Pavillon 2012 – designed by Herzog & de Meuron and Ai Weiwei
WENN SICH EINES DER BERÜHMTESTEN ARCHITEKTURBÜROS mit einem der bedeutendsten zeitgenössischen Künstler zusammentut, dann kann das Ergebnis nur begeistern. So geschehen bei Herzog & de Meuron und Ai Weiwei.

Pavillon 2013 – designed by Sou Fujimoto

Pavillon 2013 – designed by Sou Fujimoto
ANDERS ALS DIE VIELEN RENOMMIERTEN ARCHITEKTEN , die bereits einen Pavillon an der Serpentine Gallery errichten durften, steht Sou Fujimoto noch am Anfang seiner Karriere. Sein Bauwerk ist dennoch eines der spektakulärsten.

Bilder: Serpentine Gallery Pavillon by Zaha Hadid @ Hélène Binet; Serpentine Gallery Pavillon by Daniel Libeskind with Arup @ Sylvain Deleu; Serpentine Gallery Pavillon by Oscar Niemeyer @ Sylvain Deleu; Serpentine Gallery Pavillon by Frank Gehry @ Nick Rochowski/VIEW 2014; Serpentine Gallery Pavillon by Herzog de Meuron and Ai Weiwei @ Iwan Baan; Serpentine Gallery Pavillon by Sou Fuijmoto @ Jim Stephenson