Im neuen Wiener Stadtteil "Seestadt Aspern" entsteht das höchste Holzhochhaus der Welt.

Innovativ und nachhaltig – oft bemühte und vielfach leere Vokabeln. Beim Bau des HoHo Wien passen beide Begriffe perfekt. Ein 84 Meter hohes Holzhochhaus, bei dessen Planung echte Pionierarbeit geleistet wurde. Doch bevor wir hierzu kommen, drehen wir den Fokus wieder etwas zurück und betrachten Wien als Ganzes, kommen vom Großen ins Kleine. Denn der Kontext ist wichtig: Wie verträgt sich ein so innovativer Bau mit dem traditionellen Wien?

„Wien bleibt Wien, das ist grad das Schöne dran. Wien bleibt Wien, dass man sich dran g´wöhnen kann“, schrieb der berühmte Komponist und Sänger Georg Kreisler ironisch in seinem Lied über den Änderungsunwillen der Wiener. Bösartig schreibt Kreisler, der selber Wiener war, in einem anderen Lied: „Wie schön wäre Wien ohne Wiener!“ Hat sich die Stadt an der Donau tatsächlich dem Stillstand und des Beharrens gewidmet? Kann Wien nur Wien bleiben, wenn es sich nicht bewegt?

TRADITION VS. MODERNE –DIE ZWEI STADTBILDER WIENS

„Wien ist anders“, sagte Hans Weigel, ebenfalls Wiener und zudem Schriftsteller und Theaterkritiker. Den deutungsreichen Satz meinte er positiv: Wien entspricht nicht dem Klischee, das man von der Stadt hat. Dabei ist das Klischee an sich kein schlechtes:

Allein das Stadtbild mit seiner Vielzahl an barocken Bauten und solchen aus der Gründerzeit: die gewaltige Hofburg mitten im historischen Zentrum der Stadt. Die spanische Hofreitschule mit ihren prächtigen Lipizzanern, die in der Hofburg beheimatet sind. Die Schlösser Schönbrunn und Belvedere, die Staatsoper, das Rathaus, die Karlskirche … Am besten „erfährt“ man Wien natürlich mit einem Fiaker, jenen meist historischen, zweispännigen Kutschen. Zur Pause bietet sich der Besuch eines Kaffeehauses an, wo einem der Kellner mit Wiener Schmäh eine Sachertorte anbietet. Man spürt es: das pure Klischee. Aber es existiert. Es ist das klassische, touristische Wien. Doch Wien ist anders!

Luftbild zeigt Wien von oben

Idyllisch: Das alte, zum Beharren neigende Wien.

Und das führt dazu, dass Wien in der renommierten Mercer-Studie unter den lebenswertesten Städten der Welt 2017 zum neunten Mal in Folge den ersten Rang belegte. 230 Großstädte wurden weltweit verglichen und anhand von 39 Kriterien bewertet. Dazu gehören politische, wirtschaftliche, soziale und Umweltfaktoren. Wien ist eine der wohlhabendsten Städte der Welt – ist dabei aber bei weitem nicht so hektisch wie beispielsweise New York. Von den etwa 1,8 Millionen Einwohnern, die Wien zur zweitgrößten Stadt im deutschsprachigen Raum machen, haben knapp 40 Prozent einen Migrationshintergrund – die Stadt ist also multikulturell. Was nicht nur für Vielfalt sorgt, sondern auch für Wachstum. 1910 hatte die Stadt noch 2,1 Millionen Einwohner. Die Zahl schrumpfte während der Weltkriege und erholte sich dann langsam. Ab 1970 etwa sank die Einwohnerzahl wieder durch einen deutlichen Rückgang der Geburtenrate. 1987 war die Einwohnerzahl auf 1,5 Millionen gesunken. Dank des Zuzugs zählt Wien heute zu den am schnellsten wachsenden Stadtregionen Europas. Und deswegen wird in Wien fleißig gebaut.

Aber wo kann man bauen? Im Zentrum ist quasi kein Baugrund vorhanden. Zudem ist das Historische Zentrum von Wien UNESCO-Welterbestätte. Große und vor allem hohe Bauprojekte, die das Stadtbild beeinträchtigen könnten, verbieten sich daher – zu Recht. Und so weicht man aus – und zwar auf die andere Seite der Donau. Hier ist noch reichlich Platz und hier entstanden bereits einige postmoderne Bauten, die mit der beschaulichen Postkarten-Romantik Wiens nichts gemein haben. So der Millenium-Tower, ein aus zwei verschränkten Glas-Zylindern bestehender Turm von 202 Metern Höhe, der direkt am Donau-Ufer steht. Oder der DC Tower in der Donau City, einem auf einer Halbinsel in der Donau gelegenen Stadtteil, der Wien tatsächlich eine Skyline verschafft. Das Panorama der Donau City würde ein Unwissender niemals der Stadt Wien zuordnen. Der DC Tower ist mit 220 Metern das höchste Haus Österreichs.

Skyline Donau City in Wien

Überraschend: Auch das ist Wien. Die Skyline der Donau City.

Donau City gehört zum Gemeindebezirk Donaustadt, dem bei weitem größtem Bezirk Wiens. Fast ein Viertel des Stadtgebietes wird von Donaustadt eingenommen. Im Westen sehr urban und dicht besiedelt, bietet der Osten landwirtschaftliche Flächen und der Süden mit der Lobau sogar ein 22 Quadratkilometer großes Auengebiet, das auch als Naherholungsgebiet für die Wiener dient. An die Lobau schließt sich, nördlich und damit zentral in Donaustadt gelegen, der Stadtteil Aspern an. Genau gesagt, muss Aspern erst noch ein Stadtteil werden. Denn es ist eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas.

AUF DEM HOLZWEG –IM BESTEN SINNE

„aspern – Die Seestadt Wiens“. So lautet der offizielle Name des Projektes, dessen Umsetzung 2009 begann. Innerhalb von 20 Jahren und in drei Entwicklungsetappen soll Aspern 20.000 Menschen Platz zum Leben und Arbeiten bieten. Bei einer modernen Planstadt wie Aspern, die ein Teil der „Lebenswertesten Stadt der Welt“ sein wird, steht die Lebensqualität natürlich weit im Vordergrund. So bildet ein 50.000 Quadratmeter großer künstlicher See das namensgebende Zentrum der Seestadt. Gleich vier Parks mit vielfältigen Freizeitmöglichkeiten sind im Umfeld entstanden. Der öffentliche Raum wird etwa 50 Prozent des neuen Stadtteils einnehmen. 2012 wurde mit dem Technologiezentrum aspern IQ der erste Ansiedlungskern erstellt. Seit 2014 werden die ersten Immobilien bewohnt. 2017 eröffnete mit dem Que[e]rbau das erste queere Baugruppenhaus Wiens, das den vielfältigen Wohnbedürfnissen seiner bunten Mietgemeinschaft entgegenkommt. Im Herbst 2019 soll dann das Leuchtturmprojekt der Seestadt zur Nutzung freigegeben werden: das HoHo Wien, das höchste Holzhochhaus der Welt.

Caroline Palfy und Günter Kerbler - Bauverantwortliche für das HoHo in Wien

Mutig: Caroline Palfy und Günter Kerbler – verantwortlich für den Bau des HoHo Wien.

Holz ist ein fantastischer Baustoff: Er ist regenerativ, enorm stabil, dabei aber elastisch. Holz ist vielfältig einsetzbar und sorgt für ein angenehmes Raumklima. Seit Jahrtausenden baut der Mensch mit Holz. Und eigentlich mag auch jeder die besondere Atmosphäre eines Holzhauses. Und doch ist Holz als konstruktiver Baubestandteil aus den meisten modernen Bauten verschwunden, insbesondere wenn es in die Höhe geht. Hier hat es der postmoderne Bau aus Stahl, Beton und Glas nahezu zur Alleinherrschaft gebracht.

Auch im HoHo Wien geht es nicht ganz ohne: Der Rohbau besteht im Kern aus Beton. 75 Prozent des Hochhauses werden allerdings aus Holz bestehen. Rund 2.800 Tonnen Kohlenstoffdioxid werden durch den Einsatz des nachwachsenden Rohstoffes eingespart. Am Ende wird das Holz-Hochhaus 84 Meter Höhe erreichen, bei 24 Etagen und einer Geschossfläche von 19.500 Quadratmetern. Die Baukosten sind auf 65 Millionen Euro anvisiert.

„ICH HABE SCHON IMMER NEUE, TEILWEISE VERRÜCKTE IDEEN UNTERSTÜTZT.“
Günter Kerbler, Investor

Das höchste Holzhochhaus der Welt. Der enthaltene Superlativ impliziert die Pionierarbeit, die bei der Planung geleistet werden musste. Verantwortlich hierfür zeichnen Caroline Palfy als Geschäftsführerin der Entwicklungsgesellschaft cetus Baudevelopment, das Architektenteam RL+P, der Statiker Richard Woschitz, der Brandschutzplaner Alexander Kunz und der Investor Günter Kerbler. „Mit Holz mehr als achtzig Meterhoch zu bauen, ist eine bautechnische Herausforderung und bedarf genauester Planung, ein kreatives Team und das geeignete Baufeld. Hochhäuser, die zu einem Großteil aus Holz bestehen, gibt es kaum. Wir sind sozusagen Pioniere im Holz-Hochbau! Ich habe schon immer neue, teilweise verrückte Ideen unterstützt. Daher freut es mich umso mehr, dass wir jetzt bald mit der Umsetzung beginnen können“, meinte Kerbler kurz vor dem ersten Spatenstich, der im Oktober 2016 stattfand.

Unterflurkonvektor Katherm HK

Passt ins Konzept: Der Katherm HK
Ein so innovatives Gebäude wie das HoHo Wien setzt natürlich auch hohe Ansprüche an das Energiekonzept. Es wird nach den Kriterien des Bewertungssystems TQB (Total Quality Building) der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (ÖGNB) umgesetzt. Teil des Konzeptes sind Katherm Unterflurkonvektoren von Kampmann zum Heizen und Kühlen.

Die Pionierarbeit manifestiert sich in dem eigens für das HoHo entwickelte Bausystem: eine Hybrid-Bauweise aus Holz und Beton, die im Ergebnis bestechend ist. Sie erfüllt alle Ansprüche an Ökologie und Ökonomie. Die Entwickler beschreiben das System folgendermaßen: „Beim HoHo Wien werden massive Brettsperrholz-Elemente und vorgefertigte Betonplatten zu einem Verbundwerkstoff kombiniert. Das bewusst ‚einfache‘ System verwendet die Stapelung vier vorgefertigter, serieller Bauelemente: Stützen, Unterzug, Decken- und Fassadenelemente. Die Neuheit der Holz-Beton-Verbund-Deckenelemente für das HoHo Wien liegt vorwiegend im stark reduzierten Anteil an Stahlverbindungsmitteln und im hohen Vorfertigungsgrad, realisiert durch den Einsatz neuartiger Verbindungen zwischen Holz und Beton. Die Vorfertigung der Holz-Elemente findet unter kontrollierten Bedingungen in den unterschiedlichen Werken der Holz- Lieferanten statt. Danach folgt der Transport auf die Baustelle, wo die seriellen Elemente sofort verbunden werden. Die Stützen wiederum bilden mit den ebenfalls vorgefertigten Außenwandmodulen aus Massivholz ein gemeinsames Montageelement. Dieses Bau-System spart Arbeitszeit auf der Baustelle, witterungsbedingte Schwierigkeiten und lange Trocknungszeiten entfallen. Mit besonderer Sorgfalt sind jedoch die sichtbaren Holzoberflächen zu behandeln, die ja innen sichtbar bleiben und eine besonders gemütliche Atmosphäre schaffen.

DIE SEESTADT IST ELEMENTAR UND WEIBLICH

Nachhaltig und zweckmäßig – dieses Prinzip findet sich auch bei der Planung der Flächennutzung wieder, die besonders flexibel angelegt ist. Architekt Rüdiger Lainer erläutert das Konzept: „Das HoHo Wien profitiert zum einen von einem modularen Aufbau. Zum anderen von einer individuell maßgeschneiderten und jederzeit änderbaren Flächennutzungsgestaltung. Nachträgliche Veränderungen können so ohne großen Aufwand vorgenommen werden. Die Nachhaltigkeit und Langlebigkeit des neuen HolzHochhauses ergibt sich aus der Bündelung konzeptueller Ansätze: Der Werkstoff Holz ist an sich ressourcenschonend. Die flexible und nutzerbezogene Grundrissgliederung sorgt zusätzlich dafür, dass das HolzHochhaus sehr lange genutzt werden kann. Ökonomie und Ökologie bilden in unserem Konzept für das HoHo Wien eine Synthese zum gegenseitigen Nutzen.“

Bauarbeiter auf der Baustelle des HoHo in Wien

GENIAL EINFACH: Aus Holz und Beton werden Verbundwerkstoffe hergestellt. Die seriellen Elemente können auf der Baustelle direkt verbaut werden.

Im Ganzen kann man also über das HoHo Wien sagen: Hier wurde vieles anders gemacht. So wie auch in der Seestadt vieles anders gemacht wird. Zum Beispiel wurden die meisten Straßen, Plätze und Parks nach Frauen benannt. Denn im „alten“, rechts der Donau gelegenen Wien sind nach Frauen benannte Straßen rar gesät. In Seestadt aber gibt es Parks, die auf die Namen von Hannah Arendt, Yella Hertzka und Madame d’Ora lauten und gleich 20 Straßen mit Frauennamen. Das HoHo Wien wird nördlich an die Janis-Joplin-Promenade grenzen. Auch diese war eine Pionierin. Da passt es gut ins Bild, dass auch das HoHo unter weiblicher Führung entsteht.

Geschäftsführerin Caroline Palfy hat das Gebäude federführend konzipiert und ist auch bei der Vermarktung der Gewerbeflächen neue Wege gegangen. Sie orientierte sich hier an der fernöstlichen Elementen-Lehre, die die Wechselwirkungen von Holz, Feuer, Luft, Metall, Wasser, Erde und Leere zu Mensch und Umwelt betrachtet. Diese Elemente hat Palfy auf die Gewerbeflächen übertragen, um so einen ganzheitlichen Mix zu erhalten, der dem Prinzip „Alles unter einem Dach“ folgt. Und so werden sich Wohnungen, Büros, Health- und Wellness-Bereiche sowie Restaurants und ein Hotel im HoHo befinden. „Eine innovative, zukunftsweisende Immobilie wie das HoHo Wien zu entwickeln, ist nicht nur baulich, anlagentechnisch und organisatorisch eine Herausforderung. Auch die Verwertung einer solchen Immobilie gehört gründlich durchdacht. Das HoHo Wien soll künftig das Konzept der Seestadt Aspern widerspiegeln: Leben und Arbeiten, Karriere und Familie sowie Freizeit an einem Ort!“, unterstreicht Caroline Palfy ihren Ansatz.

Denn Wien mit seiner Seestadt Aspern ist anders. Im Zweifel ist es das HoHo Wien ganz bestimmt.

Illustration Seestadt Aspern in Wien

Das Hoho Wien in Zahlen

  • Bruttogesamtfläche: 25.000 m2
  • Mietfläche: 19.500 m2
  • Grundstücksfläche: 3.920 m2
  • Etagen: 24 Geschosse
  • Höhe: 84 m
  • Gebäudeart: Hochhaus mit innovativer Holzbautechnik
  • Baubeginn: 12. Oktober 2016
  • Fertigstellung: geplante Bauzeit 2 Jahre
  • Investitionsvolumen: rund 65 Millionen Euro

Bildnachweise:
Keyvisual HoHo @ schreinerkastler
Blick auf Central Vienna @ LordRunar – iStockphoto
Panorama der Donau City @ Hubertl – CC BY SA 4.0
Caroline Palfy und Günter Kerbler © cetus Baudevelopment
Lieferung Holzteile @ cetus Baudevelopment – Erich Reismann
Seeparkquartier am Abend @ schreinerkastler und cetus Baudevelopment