Sechs Jahre Bauverzug können dem Prestigeobjekt „Elbphilharmonie“ nichts anhaben

Die Elbphilharmonie: Wer die schon jetzt unverkennbare Silhouette betrachtet, denkt an Kostenexplosion und Zeitverzug. Dabei war der exponierte Standort des Konzerthauses einst ein Beispiel für Präzision und Pünktlichkeit. Dafür müssen wir weit in die Vergangenheit blicken, finden aber in Form von Kampmann auch einen Lichtblick in der Gegenwart. Schauen wir zunächst zurück und tauchen ein in ein außergewöhnliches Stück Hamburger Hafengeschichte.

Die Elbphilharmonie steht auf historischem Fundament. Der denkmalgeschützte Kaispeicher A bildet das untere Drittel des Konzerthauses. Man könnte angesichts der langen Hamburger Hafengeschichte vermuten, dass dieses Gebäude sehr alt ist – doch mitnichten. Es wurde „erst“ 1963 nach Plänen von Werner Kallmorgen errichtet. Aus einer tatsächlich anderen Epoche stammt hingegen das Gebäude, welches vorher an der gleichen Stelle stand und ebenfalls Kaispeicher A genannt wurde. Jenes – zu Ehren Wilhelm I. auch „Kaiserspeicher“ gerufenes – Lagerhaus wurde 1875 errichtet. Und auch damals war das Gelände nicht mehr jungfräulich: Zuvor hatte dort über Jahrhunderte hinweg die Werft Johns ihren Sitz, die unter anderem für HAPAG Schiffe baute, weswegen die Landspitze auch „Johns´sches Eck“ genannt wird. Im Zuge der 1861 beschlossenen Hafenerweiterung wurde Johns umgesiedelt und machte Platz für den ersten Kaispeicher A.

Der Hamburger Hafen mit der Elbphilharmonie aus der Luft

Der Kaiserspeicher war ein beeindruckendes Gebäude: Fast 90 Jahre dominierte er das Hamburger Hafenbild. Im neugotischen Stil errichtet, hatte der Speicher etwas Kathedralenhaftes, woran der zum Hafenbecken weisende Turm sicher nicht unschuldig war. Auf der Spitze des Turmes wurde 1876 eine Zeitball-Anlage errichtet. Dieses Instrument diente den Seefahrern als Zeitansage: Zur Navigation und korrekten Bestimmung der geographischen Länge ist die exakte Uhrzeit ein unerlässliches Maß.

„Beim nächsten Ball ist es 12 Uhr“

Der Hamburger Zeitball war schwarz und hatte einen Durchmesser von etwa einem Meter. Mittags um zehn Minuten vor Zwölf wurde der Ball bis zur Hälfte der Höhe an der Konstruktion hochgezogen: Achtung! Um drei Minuten vor Zwölf ging es ganz nach oben: Fertig! Und um Punkt 12 Uhr Greenwich-Zeit (heute 13 Uhr MEZ) fiel der Ball drei Meter in die Tiefe: Los! Mit einer Genauigkeit von einer Zehntel Sekunde konnten hiernach die Schiffs-Chronometer gestellt werden. Ausgelöst wurde der Zeitball über ein unterirdisch verlegtes Kabel von der Sternwarte am Millerntor aus. Bis 1899 geschah dies per Tastendruck, anschließend elektronisch. Mit Einführung der Zeitübertragung per Funk (in Deutschland im Jahre 1910) wurden die Zeitbälle obsolet. Die Zeitball-Anlage auf dem Kaiserspeicher war jene, die in Deutschland noch am längsten in Betrieb war: Immerhin bis 1934 tat sie täglich ihren Dienst an der Spitze von Johns´ Eck. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Kaiserspeicher schwer beschädigt und 1963 durch den zweiten Kaispeicher ersetzt, der nun mit der im Volksmund „Elphi“ genannten Elbphilharmonie überbaut wird.

Fässer ohne Böden

Sie ist Teil eines unrühmlichen Trios: Neben dem Flughafen Berlin Brandenburg (BER) und „Stuttgart 21“ gehört die Elbphilharmonie zu den drei großen Bauvorhaben, welche die weltweit angesehene deutsche Kompetenz bei der Umsetzung von planungsintensiven Großprojekten beschädigen. Ein nicht zu Ende gedachtes Konzept, Zuständigkeitsgeplänkel, Abstimmungsschwierigkeiten, Zweifel an der Statik, ein kompletter Baustopp und einige Unstimmigkeiten mehr führten dazu, dass die Elbphilharmonie das Zehnfache der ursprünglich geplanten Summe kosten und mit wenigstens sechs Jahren Verspätung fertig gestellt werden wird.

Die ersten Planungen hatten eine Fertigstellung für 2010 vorgesehen. Nach immer neuen Verzögerungen wurde nun der Oktober 2016 festgelegt, mit einem offiziellen Eröffnungstermin im Frühjahr 2017. Ebenso ausufernd die Kosten: 77 Millionen Euro wurden für den Bau des Konzerthauses bei der Grundlagenermittlung errechnet. Bei Vertragsabschluss 2007 waren es bereits 114 Millionen Euro; 2012 musste man einräumen, dass es wohl 575 Millionen werden würden, bis man 2013 die „endgültige“ Summe von 789 Millionen Euro verlautbaren ließ. Da dies Steuergelder sind, ist die öffentliche Empörung groß.

"So gerechtfertigt des Volkes Zorn ist – es ist schade, dass über all dem Bau- und Planungschaos fast vergessen wird, was für ein Schmuckstück dort in der Hamburger HafenCity entsteht."

Man könnte es so sehen: Schlechte Presse ist besser als gar keine Presse. Denn bei allem Unmut: Die Elbphilharmonie ist schon jetzt eines der bekanntesten Gebäude Deutschlands und wird von annähernd jedem erwachsenen Bundesbürger erkannt. Das liegt an der steten Medienpräsenz im Zusammenspiel mit der spektakulären Architektur.

Reflexionen: Schall und Licht

Wie bereits erwähnt, bildet Werner Kallmorgens Kaispeicher den Sockel der Philharmonie. Hierfür wurde der Speicher komplett entkernt; nur die Außenmauern blieben erhalten. Auf den trutzigen Sockel aufgesetzt: ein kristalliner, transparenter Neubau, mit einer geschwungenen Dachkonstruktion, die in ihrer Struktur an leichten Wellengang erinnert und so den hafentypischen Übergang von Wasser zu Land aufnimmt. Die gläserne Fassade ist ein besonderer Clou der Architekten Herzog & de Meuron: Aus knapp 1.100 Elementen bestehend, gleicht keines dem nächsten. Gewölbt und zum Teil ausgespart sind die Scheiben sowie zudem individuell bedruckt. Zwischen vier und fünf Metern Breite messen die Elemente. 1,2 Tonnen schwer sind die Scheiben; Sie bedecken 16.000 Quadratmeter, also etwa zwei Fußballfelder Gesamtfläche. Das aufgedruckte, eigens entwickelte Punkteraster schützt rein praktisch vor zu starker Sonneneinstrahlung und setzt den ästhetischen Wert, dass die reflektierenden Punkte in Synergie mir den gewölbten Scheiben die Umwelt immer wieder aufs Neue spiegeln.

Konzertsaal in der Elbphilharmonie mit vielen Zuschauern und Musikern

Im Inneren: eine Stadt im Kleinen. Parkhaus, Hotel, Gastronomie, Wohnungen … Wer die Elbphilharmonie besucht, erreicht über eine beeindruckende, konvex geschwungene Rolltreppe zunächst die öffentlich zugängliche „Plaza“. Aus 37 Metern Höhe schaut man von hier über Hamburg. Zwei Foyertreppen führen nun in den Konzertbereich. Ein kleiner Saal für etwa 550 Zuschauer ist vorwiegend für Kammerkonzerte gedacht. Der Große Konzertsaal bietet 2.150 Sitzplätze und ist auf klassische Musik ausgerichtet, aber auch für Jazz oder Weltmusik geeignet. Der Japaner Yasushia Toyota zeichnet für das Akustikkonzept verantwortlich – ein anspruchsvoller Part bei einem Projekt dieser Größenordnung. Es ist Teil der Neuordnungsvereinbarung, die am 19. Juni 2013 von der Hamburgischen Bürgerschaft beschlossen wurde und die den restlichen Bauverlauf und die Kosten regelt, dass der Generalunternehmer die Vorgaben von Yasushia Toyota einhält. Offensichtlich gab es hier Probleme.

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Ein Problem waren die Bodenkanalheizungen, die ein Marktbegleiter von Kampmann für einen Musterraum lieferte. Vorgabe für diesen akustisch hochsensiblen Bereich war auch, dass die Geräte 32 dB(A) Geräuschentwicklung nicht überschreiten, was auch vom Hersteller zugesagt wurde. Unabhängige Fachleute prüften jedoch die Bodenkanalheizungen und mussten feststellen, dass die Schallemissionen den Grenzwert überschritten, woraufhin der Generalunternehmer dem Anbieter den Auftrag entzog. Da Kampmann ohnehin in der Elbphilharmonie vertreten war und Ventilatorkonvektoren („Hotel-Venkon“) und Bodenkanalheizungen für das Hotel lieferte, ging nun die Anfrage ein, ob Kampmann in der Lage sei, die ultra-leisen Bodenkanäle zum Heizen und Kühlen zu fertigen. Kampmann war nicht in der Lage – noch nicht. Die Messungen an vorhandenen Modellen im Forschung & Entwicklung Center in Lingen ergaben, dass die Emissionen den Grenzwert knapp überschritten. Knapp nur, aber drüber ist drüber, da gab es nichts zu beschönigen.

Es war Clemens Sabelhaus, der damalige und heute im Ruhestand befindliche Leiter „Forschung & Entwicklung“ bei Kampmann, der die entscheidende Idee für die Konstruktion hatte. "Seine" Kanäle wurden zwar etwas breiter, erfüllten aber die Vorgaben. Damit waren die Planer gerne einverstanden. Kampmann baute zwei Prototypen und schickte sie nach Hamburg mit den Worten: „Bitte prüfen Sie unsere Mustergeräte auf Herz und Nieren in der Originalumgebung und mit unabhängigen Schallgutachtern!“

Und so wie die Zeichen stehen, werden nun wohl Kampmann Bodenkanalheizungen im „Großen Saal“ der Hamburger Elbphilharmonie für ein flüsterleises Wohlfühlklima sorgen. Sie mögen stellvertretend stehen für das gesamte Projekt und sagen: Alles wird gut.

Bauarbeiter auf dem Dach der Elbphilharmonie in Hamburg

Bilder: Luftbild Elbphilharmonie by ReGe HH/Fotofrizz; Großer Saal by Herzog & de Meuron; Dachkonstruktion by Oliver Heissner