Das energetische Konzept für den Kristall – Der LVM-Hochhausneubau in Münster setzt auf die Kraft der Elemente

„Die lebenswerteste Stadt der Welt“: Diesen Titel hat das westfälische Münster 2004 beim weltweit ausgetragenen LivCom-Award offiziell erworben. Und wer durch Münster streift, den überrascht diese Auszeichnung nicht. Münster ist Fahrradstadt, Hansestadt, Universitätsstadt und Stadt des Westfälischen Friedens. Münster hat den wunderschönen Prinzipalmarkt und unzählige Kirchen. Angeblich regnet es viel in Münster. Doch wer so gut lebt, der nimmt auch das mit Humor. „Entweder es regnet oder die Glocken läuten – und wenn beides zusammenfällt, dann ist Sonntag“, sagen die Münsteraner. Münster ist aber auch sehr grün. Nicht nur was Parks und Naherholungsgebiete angeht, sondern auch was den schonenden Umgang mit Energie angeht. Deshalb hat Münster den „European Energy Award Gold“ verliehen bekommen. Da passt es gut, dass auch die in Münster ansässige LVM-Versicherung auf ressourcenschonende Nachhaltigkeit setzt und in ihrem spektakulären Neubau auf die Kraft der Elemente setzt.

Münster ist also grün. Am ehesten lässt sich das am Aasee erfahren. Vom historischen Stadtkern ausgehend, zieht sich das Gewässer 2,3 km lang in südwestliche Richtung. Zahlreiche Freizeitmöglichkeiten und wundervolle Grünanlagen säumen den See. 2009 wurde der Aasee-Park als „Schönster Park Europas“ ausgezeichnet. Die LVM-Versicherungen sind Aasee-Anlieger. Kein Kilometer trennt die Zentrale des Landwirtschaftlichen Versicherungsvereins vom Aasee-Ufer.

Hier entsteht zurzeit ein Gebäude mit dem buchhalterisch wirkenden Namen „LVM 5“. Seit Anbeginn der Planungen spricht aber jeder nur vom „Kristall“. Naheliegend: denn transparent und mit einer Neigung von bis zu sechs Grad „wächst“ das Gebäude wie ein Bergkristall aus dem Boden und wirkt trotz seiner Masse und Größe federleicht. 65 Meter Höhe werden die 18 Stockwerke erreichen, wenn LVM 5 im Mai 2014 fertig gestellt sein wird. 450 Mitarbeiter der weiterhin dynamisch wachsenden Versicherung werden im Kristall die gleiche Offenheit vorfinden, die die Architektur von außen verspricht. Kampmann Heute lenkt den Blick vor allem auf das energetische Konzept des neuen Münsteraner Wahrzeichens; Kampmann-Technologie spielt darin eine Rolle, ein ganz dezentrale …

Werte schaffen

Die LVM ist wie alle Versicherungen gehalten, aus den Beiträgen ihrer Kunden Rücklagen zu bilden. Der Gesetzgeber schreibt vor, dass sieben Prozent dieser Rücklagen in Immobilien anzulegen sind. Nicht erst seit der Bankenkrise haben Immobilien als Anlageform in ihrer Bedeutung stark gewonnen. Einen bleibenden Wert wird die Konzeption des Kristalls schaffen. Das Gebäude besticht nicht nur durch seine außerordentliche Ästhetik; vor allem die Art und Weise, wie es Nutzerorientierung realisiert und dafür die Gewerke der technischen Gebäudeausrüstung miteinander in Beziehung setzt, verdient besondere Beachtung. In das Bauvorhaben „Kristall“ sind umfassende Erfahrungen eingeflossen. Die Abteilung Immobilien der LVM hat in den letzten zehn Jahren umfassende Bautätigkeiten aktiv mitgestaltet und begleitet. So arbeiten im Gebäude LVM 7, dem die Münsteraner den Kosenamen „Villa Kunterbunt“ gegeben haben, energetische Systeme, die bereits auf regenerative Energien setzen. Aus dem erfolgreichen Gebäudebetrieb zogen die Planer wichtige Erkenntnisse, die sie für den Kristall nutzen konnten.

Baufahrzeuge auf der Baustelle des LVM Gebäudes

Die Kraft der Elemente

Das Energiekonzept des Kristalls setzt auf regenerative Ressourcen und Rückgewinnung. Dabei spielen die vier Elemente tatsächlich die Hauptrolle. Ein Geothermiefeld – Element Erde – mit 51 Erdsonden reicht 150 Meter tief in den Boden und liefert von hier Wasser, das konsequent 12 °C warm oder eben kalt ist. Im Sommer arbeitet dieses Wasser in einer Freien Kühlung mit einer Leistung von 294 kW. Im Winter unterstützt es, per reversibler Wärmepumpen auf Temperatur gebracht, die Heizsysteme.

Das eigene Blockheizkraftwerk im Haus – Element Feuer – arbeitet mit Biomethan und erzeugt 112 kW Wärme sowie 75 kW Strom, der in das öffentliche Netz einspeist wird. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach und in Teilen der Fassade liefert aus der Kraft der Sonne – noch einmal das Element Feuer – weitere 100 kW Strom, die eingespeist werden. Eine Kompressionskältemaschine schafft 169 kW Kühlleistung. Selbst die Abluft – Element Luft – aus den Büros entsorgt man nicht einfach ins Freie. Sie gelangt über Rohrleitungen in ein Wärmerückgewinnungssystem. Regenwasser – das Element Wasser – kommt im Kristall zur Toilettenspülung zum Einsatz.

In den Büros des Kristalls kann der Raumnutzer, wenn er möchte, die Fenster öffnen. Die Doppelfassade verhindert, dass Windböen unmittelbar in den Raum wehen. Böden und Decken sind per Betonkernaktivierung in das energetische System eingebunden.

Entwurf des LVM Gebäudes

Kampmann schafft die Verbindung nach außen

Dezentrale Fassadengeräte versorgen bei geschlossenem Fenster die Bürobereiche mit Frischluft, die je nach Außentemperatur vorgeheizt in den Raum gelangt. Hier kommt nun Kampmann ins Spiel. Gemeinsam mit den Planern entwickelte Kampmann eigens für den Kristall in Münster eine an die Gegebenheiten angepasste Variante des Kavent BA. Das Bodenklimasystem mit Außenluftfunktion sollte eine wichtige Rolle spielen. Die autark arbeitenden Systeme unterstützen die flexible Raumnutzung. In ein KNX-Bussystem eingebunden sind sie ohne großen Aufwand einem geänderten Raumkonzept zuzuordnen. Darüber hinaus ersparen sie den Einbau von Versorgungsleitungen für eine zentrale Frischluftversorgung. Damit sind reduzierte Deckenhöhen möglich. Für den Kristall bedeutete dies bei einer begrenzt genehmigten Gebäudehöhe vier Etagen mehr Nutzfläche. Ein bedeutender Mehrwert, finden Jürgen Seidel und Klaus Hülsken, die das Projekt auf LVM-Seite betreuen. In unserem Fachgespräch mit Kampmanns Leiter für Elektro und Gebäudeautomation Arend Brink erläutern sie, wie der Kristall einerseits automatisiert wurde und auf der anderen Seite jedem Nutzer größtmögliche Freiheit bietet. Lesen Sie das Gespräch in unserem Interviewbereich.

Weiterführende Infos:

Architektur

Verantwortlich für die außergewöhnliche Architektur von LVM 5 zeichnet der koreanische Architekt Prof. Duk-Kyu Ryang für das Düsseldorfer Architekturbüro HPP (Hentrich-Petschnigg & Partner). HPP hatte bereits das „LVM Hochhaus“ betreut, welches über eine in 40 Metern Höhe gelegenen Glasbrücke mit dem Kristall verbunden ist. Mit 320 Mitarbeitern und 11 Bürostandorten ist HPP weltweit aktiv und hat unter anderem das Düsseldorfer Dreischeibenhaus und die Arena Auf Schalke umgesetzt.

Energiekonzept

Das außerordentliche energetische Konzept des Kristalls stammt von Deerns Deutschland. Das Unternehmen entstand erst im Mai 2013 aus der Zusammenführung der P2B Planungsgruppe Berlin Brandenburg, Scheer Beratende Ingenieure und Schmidt-Reuter Integrale Planung und Beratung. Letztere hatten unter Leitung von Dr. Thiel das Projekt begonnen. Deerns beschäftigt 150 Mitarbeiter an drei Standorten.

Elektrotechnik

Die Elektro-, Daten- und Medientechnik – und damit auch das fortschrittliche KNX-Bus-System – im Kristall stammt vom Ingenieurbüro Nordhorn. Das Unternehmen wurde 1995 in Leipzig von Klaus Nordhorn gegründet hat seit 1998 seinen Hauptsitz Münster. Das Ingenieurbüro Nordhorn plant und überwacht die Technische Gebäudeausrüstung für komplexe Projekte im In- und Ausland. So hat man (gemeinsam mit dem Architekturbüro msm aus Köln) den Wettbewerb für das neue Service-Center von Borussia Dortmund gewonnen.

Bilder: LVM Versicherung