Konsum-Geschichte am Leipziger Platz: Vom Niedergang eines Warenhauses, das als Shopping-Center wiederauferstand.

Der Leipziger Platz in Berlin ist ein Ort, an dem sich die deutsche Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts verdichtet. Hier stand einst das prächtigste und größte Kaufhaus Europas – das Warenhaus Wertheim. Doch Nationalsozialismus, Zerstörung, Krieg und lange Jahre des bleischweren Brachliegens, während die Berliner Mauer das Achteck kreuzte, bedeuteten einen finsteren Schlaf, der erst mit der Wende endete. Heute ist der Leipziger Platz wieder ein zentraler und belebter Ort in Berlin – und 2014 zu seiner großen Kaufhaustradition zurückgekehrt.

Was einem heute überhaupt nicht mehr auffällt: Der Leipziger Platz ist Teil eines gewaltigen städtebaulichen Ensembles. Der Pariser Platz mit dem Brandenburger Tor, der Mehringplatz am Landwehrkanal in Kreuzberg und eben der Leipziger Platz, der erheblich größer ist als der benachbarte, aber ungleich berühmtere Potsdamer Platz – sie alle entstanden zwischen 1730 und 1738 unter der Regie des bedeutenden preußischen Architekten Philipp Gerlach. Von daher ist es kein Zufall, dass die über Ebert- und Stresemannstraße verbundenen Plätze geometrisch harmonierende Formen haben: Der Pariser Platz ist quadratisch, in der Mitte liegt der achteckige Leipziger Platz und das südliche Ende des Trios bildet der runde Mehringplatz. Die Schicksale dieser Orte könnten unterschiedlicher kaum sein: Während der Pariser Platz dank des Brandenburger Tores selbst zu Mauer-Zeiten stets einen gewissen Glanz bewahrte, hat der Mehringplatz nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg nie wieder zu seiner einstigen Pracht zurückgefunden; der Platz gilt heute als ein sozialer Brennpunkt. Die Geschichte des Leipziger Platzes ist noch wechselvoller – und eng verbunden mit der des Warenhauses Wertheim.

Das Warenhaus Wertheim in Berlin im 19. Jahrhundert

DAS WARENHAUS WERTHEIM war ein Publikums-Magnet in Berlin. Wegen des daraus resultierenden hohen Verkehrsaufkommens wurde hier eine der ersten Ampelanlagen Europas aufgestellt.

Der Wertheim-Konzern und in persona der Sohn des Gründers Georg Wertheim haben das Konzept des Warenhauses in Deutschland eingeführt und etabliert. Großzügige Verkaufsräume, eine attraktive Warenpräsentation, feste Preise, ein Umtauschrecht – all das, was uns heute selbstverständlich erscheint, ist erst mit Wertheim zum deutschen Konsum-Alltag geworden. Ausgehend von Stralsund expandierte Georg Wertheim mit seinem aus Frankreich übernommenen Geschäftsmodell 1885 nach Berlin. Er begann, sich Gedanken über die optimale Architektur eines Warenhauses zu machen und nahm dafür mit dem bis dahin eher unbekannten Architekten Alfred Messel Kontakt auf. Gemeinsam entwickelten sie ab 1893 ein Warenhaus-Konzept, das sich deutlich vom französischen Vorbild unterschied und Architektur-Geschichte schrieb.

"ICH KENNE NUR WENIG ERGREIFENDERES, ALS DEN ANBLICK DER HOHEN PFEILER DER LEIPZIGER STRASSE."

Schon von außen war das 1896 eröffnete Warenhaus am Leipziger Platz beeindruckend: Zwischen schmalen, der Gotik entlehnten Pfeilern spannte Messel breite Glasbahnen und krönte den Aufbau mit einem Mansarddach aus grünen Dachpfannen. Die Wirkung war beachtlich: Wertheim war in aller Munde, sowohl beim Konsumenten, als auch in der Architektur-Kritik. So schrieb der einflussreiche belgische Architekt und Designer Henry van de Velde hörbar begeistert: „Ich kenne nur wenig Ergreifenderes, als den Anblick der hohen Pfeiler der Leipziger Strasse, welche ohne Anstrengung emporsteigen, um eine Last zu tragen, die ihnen so leicht und schön wie möglich ausgesonnen zu sein scheint. (. . .) Dies ganze Bauwerk, das die ungeheuer glatte Fläche der Scheiben überhängt, ist aus Bronze und lebt und blinkt da oben; es erhebt sich wie die Krone, welche das Monument weiht, und welche am Abend Ströme von Licht ausstrahlt.“ Betrat man das Innere, war die Wirkung nicht weniger beeindruckend. 22 Meter hoch und glasüberdacht, war die zentrale Verkaufshalle von verschwenderischer Pracht. Monumentale Fresken schmückten die Stirnseiten, die sechs Meter hohe Plastik einer Frau geleitete die repräsentative Treppe hinauf, auf den Weg in die weiteren Verkaufsetagen. Nur folgerichtig: Das Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz war ein sofortiger Erfolg und weit mehr als ein Kaufhaus – es war eine Attraktion, ein Ausflugsziel. Und so expandierte Georg Wertheim und ließ Alfred Messel weitere Bauten anfügen, bis eine Verkaufsfläche von etwa 70.000 Quadratmetern erreicht war. Kein Warenhaus Europas war größer. Keines war schöner. Und dann kam Hitler an die Macht.

Blick aus der Luft auf die Mall of Berlin

DIE MALL OF BERLIN erstreckt sich über den gesamten hinteren Häuserblock. Die Front-Fassade war während der Bauphase auf Plane gedruckt.Das Gebäude im linkenBildvordergrund ist bis heute ein sogenanntes Potemkinsches Dorf.

Die Familie Wertheim war jüdisch. Während des „Judenboykotts“ der Nationalsozialisten standen auch vor Wertheims Türen SA-Männer mit einem Schild „Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!“ In der Folge übergab Georg Wertheim das gesamte Geschäft an seine nicht-jüdische Frau Ursula. Trotzdem stuften die Nazis das Unternehmen als „rein jüdisch“ ein, beschlagnahmten es 1937 und benannten es in AWAG (Allgemeine Warenhaus Gesellschaft AG) um. Dann kam der Krieg. Drei Sprengbomben im Jahr 1943 und Phosphorbomben kurz vor Kriegsende 1945 beschädigten den Komplex schwer – aber nicht unrettbar. Doch ein Wiederaufbau wurde dadurch verhindert, dass Wertheim nun genau auf der Sektorengrenze lag, die während des Kalten Krieges zum Niemandsland degenerierte. 1957 wurden die Überreste des Warenhauses abgerissen, ab 1961 querte die Berliner Mauer den Leipziger Platz. Dann passierte 30 Jahre lang gar nichts.

Nazis boykottieren das Warenhaus Wertheim im Jahre 1933

DER ANFANG VOM ENDE VON WERTHEIM: Während Hitlers Judenboykott 1933 standen SA-Männer vorm Eingangsportal.

HARTE BEATS UND FALSCHE FASSADEN
Vom ehrenwerten, prunkvollen Kaufhaus Wertheim bis zur ersten Reaktivierung des Areals nach dem Mauerfall ist es zeitgeschichtlich ein Katzensprung – und doch liegen gefühlt Äonen zwischen diesen beiden Kapiteln. Denn 1991 eröffnet der „Tresor“ im ehemaligen Tresor-Raum des Wertheim-Kaufhauses. Es war der erste Techno-Club Berlins und die spezielle Atmosphäre (ein modriges Kellergewölbe mit Hunderten alter, aufgebrochener Schließfächer und das Gefühl, der Raum sei eher okkupiert denn gemietet) machte ihn zur Blaupause für unzählige Techno-Clubs weltweit. Die Hey-Days des Tresor dauerten bis 2005, dann wurde das Gebäude zugunsten neuer Bebauungspläne abgerissen. Der Club ist anschließend innerhalb Berlins umgezogen und noch heute erfolgreich.

So schade es um das legendäre Tresor-Gewölbe ist – natürlich darf ein „kleiner“ Club nicht die Entwicklung eines zentralen Platzes der Bundeshauptstadt behindern, welcher der Leipziger Platz seit der Wiedervereinigung erneut geworden ist. So begannen nach 1990 schnell die Planungen zur Wiederbebauung des Oktogons, mit dem Ziel, alle acht Ecken auszufüllen. Wer den Platz heute aus der Luft betrachtet, könnte meinen, mit Eröffnung der Mall of Berlin sei dieses Projekt abgeschlossen. Tatsächlich ist aber die Nordwest-Ecke des Platzes bis heute reine Kulisse – ein potemkinscher Schwindel. Das „Gebäude“ besteht aus einem Gerüst, das mit Plane bespannt wurde, auf der die Fassade nur aufgedruckt ist. Mit diesem Kniff wurden in der Planungsphase der Wiederbebauung mehrere Gebäude simuliert, um dem Passanten einen Eindruck der angedachten Bebauung zu vermitteln. Wer heute per Google Street-View nach Berlin „reist“, der kann nicht nur das immer noch unbebaute Grundstück der Nordwest-Ecke als Kulisse betrachten – auch die Mall of Berlin ist hier noch als Potemkinsches Dorf zu sehen (Stand Januar 2016). Doch im Gegensatz zum gegenüberliegenden Grundstück, für das es immer noch keinen Interessenten gibt, ist die Mall of Berlin am 25. September 2014 eröffnet worden.

DER VERSTECKTE LEUCHTTURM
Die Mall of Berlin ist riesig. Sie sieht allerdings nicht so aus. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Denn der offizielle Name „LP12 Mall of Berlin“ führt ein wenig in die Irre. „LP12“ steht für Leipziger Platz 12 und bezeichnet damit die Adresse des Haupteinganges, sofern es so etwas für eine Mall dieses Ausmaßes überhaupt gibt. Steht man auf dem Leipziger Platz und betrachtet die Fassade, erstaunt die zurückhaltende, schon fast gesichtslose Architektur des mehr als eine Milliarde Euro teuren Komplexes. Zumal die Mall hier erscheint, als belege sie nur die eine Ecke des Leipziger Platzes. Das hat Gründe: Lässt man die Mall zu seiner Linken liegen und schreitet die das Achteck durchschneidende Leipziger Straße hinab, steht man nach wenigen Metern vor einer architektonisch gänzlich anderen Fassade – als wäre die Mall hier zu Ende. Einige Meter weiter zeigt sich erneut ein ganz anderes Bild. Dieses Spiel wiederholt sich mehrere Male über eine Strecke von 300 Metern. Und doch ist all dies einzig und allein die Mall of Berlin. Die Berliner Architekten von „nps tchoban voss“ haben dem Prestige-Objekt kein einheitliches, repräsentatives oder gar prahlerisches Äußeres gegeben, sondern haben ganz im Gegenteil die Mall an das typische Berliner Stadtbild in all seiner Stilvielfalt angepasst. Wären nicht diverse Leuchtreklamen an den Fassaden angebracht – man könnte die Mall auch für ein Wohnviertel halten. Ein bemerkenswerter Schritt der Investoren und Architekten.

Die Mall of Berlin aus der Nähe mit einigen Eingängen

Ein großes Einkaufszentrum benötigt eine umfangreiche Gebäudetechnik. Kampmann ist in der gesamten Mall mit einer Vielzahl von Produkten vertreten: KaCool-Decken- und WandgerätenKatherm Bodenkanalheizungen sowie TOP- und Ultra-Lufterhitzern – smartgesteuert durch KaControl.

Insgesamt erstreckt sich LP12 über 210.000 Quadratmeter, wovon 76.000 Verkaufsfläche sind, die 270 Ladengeschäfte beherbergen. Natürlich sind hier alle Marken vertreten, die man bei so einem Leuchtturm-Projekt erwartet, insbesondere Filialen sogenannter Nobel-Marken. Aber auch ein Lebensmittel-Discounter und eine große Elektronik-Kette sind vertreten. Der Food-Court ist der größte Berlins und die zentrale Piazza lädt zum Verweilen und Flanieren ein. Des Weiteren sind Wohnungen, Büroflächen und ein Hotel in dem Komplex untergebracht. Am Ende also eine ganz normale, wenn auch gigantische Shopping-Mall? Ohne Zweifel. Und doch geht von der Mall eine große Anziehungskraft aus. Das gleiche Center irgendwo in der Provinz auf der grünen Wiese würde diesen Magnetismus nicht entwickeln. Aber LP12 steht nun mal mitten in Berlin. Direkt am geschichtsträchtigen Leipziger Platz. Wo einst das Warenhaus Wertheim stand. Die Piazza bildet eine Sichtachse auf das Preußische Herrenhaus, den Sitz des Bundesrates. Etwas nördlich befindet sich das Holocaust-Mahnmal, dann kommt auch schon das Brandenburger Tor . . . Das historische und urbane Umfeld der Mall of Berlin ist unvergleichlich. Und auch wenn LP12 nur ein weiterer Konsum-Tempel ist, so ist er doch genau das richtige Gebäude am richtigen Platz.

Bilder: Mall of Berlin by HGHI-Holding; Blick auf den Leipziger Platz by Arild Vågen CC-BY-SA 3.0; "Deutsche, kauft nicht ..." by Bundesarchiv, Bild 183-R70355 CC-BY-SA 3.0