Der Prime Tower in Zürich übt sich in spektakulärer Zurückhaltung

Die Schweiz – berühmt für seine urtümlichen Dörfer unter einem majestätischen Alpenpanorama; für aromatischen Käse mit möglichst großen Löchern, für knusprige Rösti und feine Schokli; für Pünktlichkeit und Sauberkeit. Aber auch für sein Finanzwesen, seine florierende Wirtschaft, für Nummernkonten, Internationalität und für seine sowohl bewunderte als auch kritisierte Neutralität.

Typisch schweizerisch – obwohl der erste Anblick nicht diesen Eindruck erweckt – ist auch der 2011 fertiggestellte Prime Tower in Zürich, das höchste Gebäude der Schweiz.

Wie die Schweiz neutral wurde:

In 2015 konnten die Schweizer ein großes Jubiläum feiern: 500 Jahre Neutralität – ein halbes Jahrtausend! Eine reife Leistung angesichts der Tatsache, dass Europa in dieser Zeit von einigen katastrophalen Kriegen heimgesucht wurde – darunter der Dreißigjährige Krieg, der Erste und der Zweite Weltkrieg –, die eine neutrale Haltung nicht vereinfachten.

Als Beginn der schweizerischen Neutralität wird die „Schlacht bei Marignano“ im Jahr 1515 angesehen. Die Eidgenossen verloren den blutigen Konflikt, zogen sich zurück und hielten sich fortan aus kriegerischen Auseinandersetzungen heraus, ohne dies jedoch als offiziellen Modus Operandi zu definieren. Erst nach dem verheerenden Dreißigjährigen Krieg beschloss die Eidgenossenschaft die „immerwährende Neutralität“ als staatlichen Grundsatz.

Der Prime Tower in Zürich von vorne

Was das mit dem Prime Tower zu tun hat? Nun, auch dieser Turm, der sein städtisches Umfeld größenmäßig dominiert und weit überragt, ist neutral. Aber ist „Neutralität“ ein erstrebenswertes Attribut für ein architektonisches Leuchtturm-Projekt wie dieses? Das kommt auf die Betrachtungsweise an. Wieso der Prime Tower in seiner Neutralität voll und ganz gelungen ist, das wollen wir hier erzählen.

Die lebenswerteste Stadt der Welt

Um sich der Geschichte des Prime Towers zu nähern, muss man sich erst einmal Zürich nähern. Die Stadt, die vom Flüsschen Limmat durchquert wird, lebt von und mit einigen Widersprüchen. Zürich gilt als Weltstadt – hat aber nur knapp über 400.000 Einwohner. Zürich ist eine der lebenswertesten Städte der Welt – aber auch die teuerste. Als größte Stadt der Schweiz ist Zürich das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum – ist aber nicht die Hauptstadt. (Wobei man einwerfen muss, dass die Schweiz rein rechtlich gar keine Hauptstadt hat; in der Praxis ist dies jedoch Bern.)

Zürich ist in zwölf Stadtkreise unterteilt. Kreis 5 ist das zentral gelegene „Industriequartier“, das sich bereits seit dreißig Jahren in einem Metamorphose-Prozess befindet. Bis in die 1980er Jahre hinein hat das Industriequartier seinem Namen alle Ehre gemacht: Kreis 5 war die Heimat großer Betriebe aus der Maschinenbau-, Textil- und Lebensmittelbranche. Tausende Arbeiter lebten hier. Doch dann kam der Wandel: Unternehmen fusionierten, gingen in Konkurs oder zogen weg – und das Industriequartier wurde zur Industriebrache. Seit Mitte der 90er-Jahre wird das Gebiet transformiert. Viele Gebäude wurden abgerissen, viele industriekulturell bedeutsame Bauten aber auch erhalten und in die neuen Planungen eingebunden.

Eine sehr prominent gelegene Brache war das Gelände der ehemaligen „Zahnräder Maag AG“. In Bahnhofsnähe direkt an den Gleisen gelegen und passiert von der wichtigen Verkehrsverbindung „Hardbrücke“, war den Städteplanern bewusst, dass dieser Standort eine wohlbedachte, architektonisch einfühlsame Neunutzung erfahren musste. In einem hierfür angesetzten internationalen Wettbewerb setzten sich die Züricher Architekten Gigon/Guyer gegen Vorschläge aus Barcelona, Basel, Berlin, Kuala Lumpur und London durch. Dass sich ausgerechnet ein Züricher Architekten-Büro durchsetzte, hat beim ersten Hören ein leichtes „Geschmäckle“ – tatsächlich haben Gigon/Guyer schlicht ihren Vorteil der Orts- und Geschichtskenntnis ausgespielt und einen Bau vorgestellt, der den Spagat schafft, zwischen Spektakel und Zurückhaltung.

„Je nach Licht löst sich der Tower fast auf.“

Der Prime Tower-Komplex besteht aus vier Gebäuden: dem Cubus, das Diagonal, die Plattform und eben dem Prime Tower. Natürlich ist der namensgebende Turm mit seinen 26 Stockwerken und 126 Metern das buchstäblich herausragende Objekt des Ensembles, was den positiven Eindruck der „Nebengebäude“ nicht schmälern soll. Der Prime Tower von Annette Gigon und Mike Guyer dient als Büro- und Dienstleistungsgebäude, das auf 40.000 m² Nutzfläche Raum für 2.000 Arbeitsplätze bietet. Dabei ist der Turm nicht Repräsentanz eines einzelnen Unternehmens, sondern beherbergt eine Vielzahl – unter anderem die Citibank, die Deutsche Bank, mit der Homburger AG die größte Wirtschaftskanzlei der Schweiz und im obersten Stock das Restaurant CLOUDS.

Restaurant CLOUDS im Prime Tower in Zürich

Was das Team um Gigon/Guyer hierfür geschaffen hat, ist bemerkenswert: Sie verschmolzen zwei Rechtecke zu einer Gebäudeform, die schwer fassbar ist. Es würde schwerfallen, den Prime Tower aus dem Kopf zu skizzieren, da er von jeder Seite anders aussieht – mal schlank und gerade; mal komplex und verwinkelt. Als Fassade wurde ein grünliches Glas gewählt, das mal die Umgebung spiegelt, mal eins wird mit dem Himmel. Diese Kombination aus Oberfläche und Form hat den erstaunlichen Effekt, dass der Turm trotz seiner – besonders im Vergleich zum städtischen Umfeld – beeindruckenden Größe seltsam dezent und bescheiden daherkommt. Oder, wie die beiden Architekten im Interview mit dem schweizerischen „Tagesanzeiger“ anmerkten: „Je nach Licht löst sich der Tower fast auf – und ist dann wieder präsent.“ Diese Zurückhaltung und, ja – Neutralität – zeichnet den Turm aus. Er erfüllt jeden architektonischen Anspruch, den so ein Leuchtturm-Projekt haben muss, will aber dennoch nicht auffallen, nicht „angeben“.

Nähert man sich dem Prime Tower, werden aus den unübersichtlichen Formen und variablen Spiegelungen klare Linien und Transparenz. Die Fassadenelemente lassen sich ausstellen und verleihen der Oberfläche immer neue Strukturen. Das Glas reflektiert zwar – lässt aber auch Einblicke in die dahinter liegende Arbeitswelt zu. Und wenn man sich dem Gebäude schon so weit genähert hat, kann man es auch betreten und 120 Meter in die Höhe fahren. Im Restaurant CLOUDS kann man dann nicht nur erlesen tafeln, sondern hat auch einen atemberaubenden Blick über Zürich.

Der Prime Tower ist damit ein seltenes Beispiel, wie Architektur sich in Bescheidenheit übt, ohne langweilig zu sein. Typisch schweizerisch eben.

Bildnachweis: Prime Tower