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„Unser Anliegen besteht darin, die Welt besser zu machen.“

Sie bezeichnen sich als „Konzeptingenieure“: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Unternehmens Transsolar Energietechnik entwickeln seit über zwei Jahrzehnten integrative Konzepte für nachhaltige und klimaneutrale(re) Gebäude. Die Idee fand schnell Anklang und setzte sich innerhalb weniger Jahre erfolgreich durch. Fast von Beginn an dabei war Stefan Holst. Der Diplom-Physiker entwickelte bereits zahlreiche Energie- und Komfortkonzepte für Gebäude weltweit und leitet die Münchner Niederlassung von Transsolar. Im Interview verrät er, was sich hinter dem integralen Planungsansatz verbirgt, worin seine Überzeugungskraft liegt, warum Transsolar auch mal Normen bricht und sich als Anwalt des Nutzers sieht.

Herr Holst, vom Namen Transsolar würde man erst einmal nicht auf KlimaEngineering schließen …?

Blickt auch in trüben Zeiten optimistisch in die Zukunft: Stefan Holst, Transsolar Geschäftsführer.

Stimmt. Viele verorten uns in der Herstellung von Photovoltaik-Anlagen oder sogar in der Logistik. Der erste Teil des Namens leitet sich von TRNSYS ab, einem Software-Paket, das dynamische Prozesse in Anlagen und Gebäuden simulieren kann und in den 1990er Jahren an der Universität von Wisconsin in den USA entwickelt und in Deutschland vom Transsolar-Gründer Matthias Schuler vertrieben wurde. Es wurde zunächst für die Simulation von Solaranlagen eingesetzt – daher der zweite Namensteil „solar“. In einem weiteren Entwicklungsschritt konnte die Software dann auch Systeme und Gebäude vernetzt miteinander berechnen; bis heute ist Transsolar im Entwicklerteam für Weiterentwicklung des Gebäudemodells verantwortlich.

Als sich Transsolar 1992 gründete und nachhaltiges Bauen propagierte, war Umweltschutz schon in aller Munde, nicht aber der Klimawandel. Waren Sie Ihrer Zeit voraus?
Wir hatten das Bedürfnis, etwas anders zu machen – und zwar im Bauen. Viele haben über Themen wie Ozonloch und sauren Regen nachgedacht, aber niemand darüber, dass auch andere Faktoren wie Gebäude damit etwas zu tun haben könnten. In diesem Sektor wurde sehr viel auf Technik gesetzt, auf Anlagenbau und -optimierung. Das wirklich Neue an Transsolar war der integrale Planungs-ansatz, also das, was später KlimaEngineering genannt werden sollte.

Und was beinhaltet er genau?
Man lässt nicht erst einen Architekten einen Entwurf zeichnen, dann einen Tragwerksplaner die Standfähigkeit untersuchen und am Ende einen Haustechniker Anlagen hineinplanen. Die Beteiligten setzen sich von vornherein an einen Tisch und prüfen alle Notwendigkeiten. Das führt dazu, dass Fassade, Technik, Nutzung, Tragwerk und Architektur zusammenspielen und nicht ein Akteur am anderen „vorbeidenkt“.

Mein Lieblingsobjekt
Für mich ist der Bangkok Airport ein Musterbeispiel für gelungenes Klima-Engineering: Obwohl Transsolar damals noch ein kleines Unternehmen mit zehn Mitarbeitern war, durfte es seinen Klimakonzeptansatz vorstellen. Es ging um die Herausforderung, die Gebäudehülle und die technischen Systeme so in Einklang zu bringen, dass nicht so viel am architektonischen Konzept geändert werden musste. Dafür haben wir inner-halb von drei Tagen einen Vorschlag entwickelt, überzeugt und den Auftrag bekommen. Die Lösung sah eine transluzente Membran vor, die zwar unter der heißen Sonne Bangkoks 50 bis 60 Grad heiß werden kann, aber dennoch im Flughafen darunter angenehme 24 Grad ermöglicht. Hier kam das Prinzip des thermischen Spiegels zum Tragen, das die nötige Performance erbracht hat. Der Bau hat zehn Jahre gedauert. Dieses internationale 1,5 Milliarden-Euro-Projekt haben wir entscheidend mitgeplant und geprägt – bis zur Inbetriebnahme vor Ort im Jahr 2016.

                                     

„Wir wollen nur Projekte verwirklichen, die etwas besser machen.“

Wie hat sich der integrale Ansatz dann durchgesetzt?
Eine architektonische Anpassung gemeinsam im Team zu erarbeiten, statt sie einfach nur einzufordern, ist ein ganz anderer Prozess. Deshalb waren die Architekten schnell überzeugt und konnten dann ihrerseits Bauherren dafür gewinnen, Neuland zu betreten. Das war wichtig, weil Transsolar von Beginn an den Anspruch hatte, mit jedem Projekt eine neue Idee auszuprobieren, und deshalb keine vergleichbaren Referenzen anbringen konnte. Die Herangehensweise musste also per se überzeugen. Und das hat sie – erst im Kleinen und in der Region, dann im Großen und überall auf der Welt.

Woher kam der Mut, mit einer Dienstleistung an den Markt zu gehen, die noch nicht oder nur schwach nachgefragt war?
Architekten monierten schon damals, dass sie zu viel Technik in den Gebäuden zu berücksichtigen hätten. Die Frage war, wie sich diese „Überdimen-sionierung“ vermeiden und Technik und Architektur bestmöglich vereinen ließen. Die Antwort: durch eine ganzheitlichere Betrachtung. Die Notwendigkeit und Schlagkraft des integrativen An-satzes waren also klar. Noch heute profitieren wir in der Zusammenarbeit davon, dass den Architekten klar ist: Wir verfolgen ein ähnliches Ziel wie sie, nämlich Architektur und Technologie zusammenzubringen.

Zu den Projekten, in denen Ihr Ansatz erfolgreich Anwendung fand, gehört neuerdings auch das Swatch Omega Headquarter im schweizerischen Biel.
Richtig. Hier bestand die Aufgabe darin, die Gebäudehülle mit seiner dezidierten architektonischen Handschrift und das klimatische Konzept miteinander zu vereinbaren. Eine Herausforderung, denn die Fassade ist architektonisch hochkomplex, auch durch den Einsatz nachhaltiger Materialien. Ein Bauherr setzt ein so außergewöhnliches Gebäude nicht nur aus architektonischen Gründen um, sondern er will auch die Funktion gesichert wissen. Letztlich ist uns aber eine überzeugende Symbiose aus Architektur und Technologie gelungen.

„Das klimatische Konzept für das Swatch Omega Headquarter war durch seine architektonisch hochkomplexe Fassade eine Herausforderung.” 

Die Umsetzung solcher Mammutprojekte kostet Energie. Was treibt Sie an?

Mittlerweile ist Transsolar stark gewachsen – wir sind heute ein Team aus 85 Mitarbeitern, die in verschiedenen Teilen der Welt arbeiten. So haben wir eine bemerkenswerte Schlagkraft. Und wir handeln aus dem Antrieb heraus, zurückzugeben: Deshalb wollen wir nur Projekte verwirklichen, die etwas nach vorne bringen, etwas besser machen in Bezug auf den Klimawandel und die Qualität unserer Umgebung. Einige von uns konzipierte Gebäude tragen bereits die Auszeichnung „Klima-positiv“, emittieren im Betrieb also weniger CO2, als sie über regenerative Energieerzeugung vermeiden.

                 

Einsparpotenzial Strom: Viele Atomkraftanlagen ließen sich ersatzlos abschalten

Ist der Komfort neben der Klimaneutralität ein weiteres Kriterium, das das Niveau eines integrativ geplanten Gebäudes belegt?
Sogar ein essenzielles! Wir sehen uns als „Anwalt des Nutzers“ – wir möchten in Gebäuden Komfort für Menschen schaffen. Dazu gehören Räume, die nicht von der Technik diktiert werden. Die Fassaden-, Belüftungs- und Beleuchtungstechnik soll so eingesetzt werden, dass sie hilft, die Umgebung zu beeinflussen. Die höchste Zufriedenheit herrscht nämlich in Gebäuden, in denen die Nutzer individuell Einfluss nehmen können auf ihre Umgebung. In diesem Zusammenhang werden einfach konzipierte Gebäude viel besser angenommen.

Welche Rolle spielt die Simulation bei der Überzeugungsarbeit?
Über die Simulation können wir Erkenntnisse aus vielen anderen Gebäuden für ein geplantes Gebäude nutzen und so alternative Konzeptansätze sehr genau miteinander vergleichen. Daraus gewinnen wir oft unsere Überzeugungskraft, sogar wenn wir von Normen und Vorgaben abweichen. Wir zeigen, dass es möglich ist. Und lösen dabei gleichzeitig unser Versprechen ein, mit innovativen Gebäuden anzutreten. Gleichzeitig gilt: Unsere Ideen sollen multipliziert werden! Sonst hätten sie ja viel zu wenig Effekt. Unser Anliegen besteht darin, die Welt besser zu machen. Das ist mit einzelnen klimaneu-tralen Gebäuden nicht getan.

Wie ist der Stand des klimaneutralen Bauens in Deutschland aus Ihrer Sicht?
Die Erkenntnis ist da und auch das Bestreben, etwa ein klimaneutrales Quartier zu entwickeln. Dazu müssen wir aber in Stadt- oder Quartiersnetzen denken, nicht nur in einzelnen Gebäuden. Und nicht den Blick für die wesentlichen Aspekte verlieren. In Deutschland ist man beim klimaneutralen Bauen sehr fokussiert auf die Themen Heizen und Kühlen, nicht aber auf Strom. Dabei macht er zwei Drittel der energetisch relevanten Bilanz in den meisten Häusern aus. Kein Wunder, wenn zum Beispiel Anlagen ein- und nie wieder ausgeschaltet werden. Hierin liegt meines Erachtens großes Einsparpotenzial brach. Sogar ein so großes, dass wir viele Atomkraftanlagen in Deutschland ersatzlos abschalten könnten. Strom, Wärme, Kälte und Lüftung sollten integrierter gedacht werden. Derzeit gibt es aber kaum Ingenieure, die den Überblick über diese Dynamik haben und zielführend beraten können.

Laborgebäude Agora in Lausanne: Transsolar entwickelte Fassadenelemente, die vor zu direkter Sonnen- und Wärmeeinstrahlung schützen und gleichzeitig Licht in die Räume lenken.

                               

„Wir müssen die Dinge einfacher und verständlicher machen“

Was schlagen Sie vor?
Vor allem: Dezentralisierung! Anlagen sollen stark differenziert und noch dazu mobil sein, gleichzeitig aber einfach in der Bedienung. Die damit verbundenen Daten an eine Zentrale zu schicken, dort auf Raumebene auszuwerten und die Informationen wieder zurückzuschicken, ist extrem aufwändig. Viel effizienter wäre es, die Daten direkt im Raum zu verarbeiten. Nur noch die übergeordneten Dinge werden mit der Zentrale ausgetauscht. So würden die Komponenten sozusagen direkt mit dem Nutzer kommunizieren. Wir müssen die Dinge einfacher und verständlicher machen

Was heißt das in Bezug auf die Gebäudeklimatisierung?
Kühlen wird Heizen als Thema ablösen und das Kriterium für gute Gebäude sein. Zudem sollten wir auf die passiven Effekte eines Gebäudes setzen – auf die Fassade, die Struktur. Und auf hocheffiziente, individuell steuerbare Klimatechnik zur indirekten Verdunstungskühlung mit dezentralen Anlagen, die genau das tun, was der Nutzer braucht, aber auch nicht mehr, Anlagen, die schnell reagieren und einfach gesteuert werden können.

Welche Bedeutung kann Transsolar heute für sich beanspruchen?
Wir haben geschafft, dass Bauherren inzwischen nicht mehr fragen, ob sich die Zielsetzung der Klimaneutralität erreichen lässt, sondern wie. Was uns motiviert, ist auch, dass wir Einfluss nehmen können, etwa auf die Rahmenbedingungen von Wettbewerben, aber auch von stadtplanerischen Prozessen. Wir legen fest, welche Maßnahme an welcher Stelle verträglich ist und für eine gute Qualität sorgt. Damit haben wir viel erreicht. Und wollen auch in Zukunft noch viel erreichen.