ARD, ZDF, FAZ, DIE ZEIT, Wallstreet Journal und Wirtschaftswoche: Über mangelndes Medieninteresse kann das Start-up-Unternehmen tado° nicht klagen.

Mit seiner smarten Heiz- und Klimatechnik scheinen die Münchener den Nerv der Zeit getroffen zu haben: tado° verkauft Heizungsprodukte in über dreitausend Geschäften, übers Internet und mit Partnern im Lösungsgeschäft – seit Juli sogar in den USA. Jetzt zeichnet sich eine Kooperation mit Kampmann ab. Was steckt hinter dem Erfolg der jungen Firma? KAMPMANN HEUTE geht der Frage in einem Gespräch mit Gründer und technischem Geschäftsführer Christian Deilmann nach.

Warum braucht die Welt ein smartes Thermostat?

Ein Drittel der weltweiten Primärenergie wird zum Heizen und Klimatisieren von Gebäuden verbraucht. Das ist mehr als für Transport oder industrielle Prozesse. Denn die Heiz- und Klimatechnik wird in sehr vielen Fällen ineffizient genutzt. Heizungen sind weit davon entfernt, smart zu sein. Wir haben das Potenzial steuer-intelligenter Technik erkannt: Sie kann den Energieverbrauch von heizungsklimatisierten Gebäuden deutlich senken.

Sie versprechen mit tado° bis zu 31 Prozent Energiekosten-Ersparnis. Wie erreichen Sie das?

Unser Thermostat findet seinen Weg ins Netz. Wir hängen uns über die digitale Schnittstelle an die Heizung. Damit haben wir Zugriff auf die Temperaturen verschiedener Stellen, Pumpendrehzahlen, Wasserdruck oder Fehlercodes aus der Heizung. Diese ganzen Informationen nutzen wir in unseren Algorithmen, um die Reglung zu optimieren. Dass wir an die digitalen Schnittstellen der Heizungen gehen, ist einzigartig.

Der amerikanische Hersteller Nest hat auch einen smarten Thermostat entwickelt …

… aber Nest ist ein lernendes Thermostat. Der Nutzer stellt die gewünschte Temperatur ein und Nest lernt, wie warm ich es wann mag. Wenn ich früher nach Hause komme, bleibt es kalt. Deshalb nutzt tado° Echtzeitsignale der tado°-App vom Handy. Wenn der letzte das Haus verlässt, schickt das Handy ein Signal an die Heizung, die dann in den Sparzustand geht. Und umgekehrt: Auf dem Heimweg signalisiert die App der Heizung, dass sie schon mal aufwärmen kann. Ein Unterschied liegt auch in der Kompatibilität: Im europäischen Durchschnitt ist tado° mit 95 Prozent aller Heizungssysteme kompatibel – Nest mit weniger als 50 Prozent.

Beim Heizen zählt die aktuelle Außentemperatur. Weshalb berücksichtigt tado° auch die Wettervorhersage?

Die Wetterprognose ist für trägere und witterungsgeführte Systeme relevant, weil sie länger brauchen, um auf die Temperatur zu kommen. Eine klassische Heizung hat einen Außensensor an der sonnenabgewandten Hausseite. Und je nachdem, wie die Temperatur draußen ist, regelt die Heizung über den Sensor die Vorlauftemperatur. Das Problem ist: Die Heizung weiß nicht, ob die Sonne durchs Fenster scheint. Ist das der Fall, entsteht eine Art Treibhauseffekt, der die Räume aufwärmt. Es wird warm, der Nutzer reißt das Fenster auf; dann wird es zu kalt. Das ist eine ungünstige Kombination aus Energieverschwendung und Komfortverlust. Über die Wetterdaten weiß tado° nicht nur, ob die Sonne scheint, sondern auch, ob sie in fünf Stunden scheint und kann träge Heizsysteme frühzeitig herunterregeln.

Aber verhält sich jedes Gebäude nicht energetisch anders?

Genau deshalb passen sich die Algorithmen an die Gebäude-Charakteristika an. Wenn ich aus dem Haus gehe, lernt tado°, wie schnell es abkühlt. Komme ich wieder, lernt das Gerät, wie schnell die Räume aufheizen, und welchen Effekt solare Strahlung auf die Raumtemperatur hat. Es sind einfach viel mehr Daten, die durch tado° in die Reglung mit einbezogen werden. Und das verbessert das Zusammenspiel.

Was hat es mit tado° Care auf sich?

Wir werten die ganzen Informationen aus der Heizung aus. Bei Problemen schicken wir eine Meldung übers Handy an den Nutzer. So kann er rechtzeitig reagieren. Ein Beispiel: Im Sommer prüfen wir, ob die Heizung funktioniert. Denn häufig klemmt zum Ende des Sommers etwas. Ohne tado° merkt der Nutzer erst im Herbst, dass die Heizung nicht anspringt. Doch der Installateur hat Hochkonjunktur und erstmal keine Zeit. Mit tado° kann der Nutzer das Problem an den Installateur weitergeben. Dieser wiederum kann dann das passende Ersatzteil gleich mitbringen.

Und wenn ich kein Smartphone besitze?

Sie können auch über einen PC oder ein Tablet einen Zeitplan hinterlegen. Am tado° Thermostat selbst können ebenfalls Einstellungen vorgenommen werden. Aber Sie haben schon recht: tado° ist auf Smartphone-Nutzer optimiert.

Welche Pläne haben Sie mit tado° für die Zukunft? Wohin geht die Reise?

Mit einem neuen Produkt machen wir jetzt auch Klimaanlagen intelligent. Im Klimabereich gehen wir stärker auf die Einzelraumreglung. Wir unterscheiden nicht nur, sind die Leute außer Haus oder zu Hause; sondern auch, welche Räume gerade genutzt werden. Mit Sensoren und Smartphone-App erkennt das System, welcher Raum wie klimatisiert werden muss. Für einige Regionen der Welt haben wir außerdem eine Funktion zur Regulierung der Luftfeuchtigkeit entwickelt.

Und auch die Zusammenarbeit mit Klima-Experte Kampmann bahnt sich an …

Genau, mit Kampmann werfen wir bald unsere jeweiligen Kernkompetenzen in ein Boot. Damit wir noch bessere Komplettlösungen anbieten können. Unsere Stärke ist die digitale „consumer experience“, und Kampmann ist im Bereich der Anlagentechnik sehr stark – das ist eine ideale Kombination. Wir freuen uns schon auf die Zusammenarbeit.

Infos zum smarten tado° Thermostat unter: www.tado.de

Dipl.-Ing. Christian Deilmann (32) studierte Maschinenbau und Management, Schwerpunkt Thermodynamik Energietechnik, und hat einen Master in Mechanical Engineering vom Massachusetts Institute of Technology. Im September 2011 gründete er mit Software-Entwickler Johannes Schwarz (32) das Unternehmen tado°. Heute führen die beiden Gründer mit Marketingfachmann Leopold von Bismarck (34) ein 90-köpfiges Unternehmen mit Niederlassungen England, den Niederlanden, Italien und USA.