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Morbus Helveticus

Heute soll es nun um das Klima in der Schweiz gehen. Aber wie soll das Klima da schon sein? Super, natürlich! Weiß man ja. Die Schweiz: sauber, reich, pünktlich – frische Bergluft und so. Das sind Assoziationen, die man schnell bei der Hand hat. Klischees eigentlich. Aber was soll man sagen? Sie stimmen allesamt. Aber was wissen wir eigentlich wirklich über die Schweiz?

Heile Welt? Die Aare-Schleife in Bern erzeugt Fernweh. Und bei Exil-Schweizern Heimweh.

Im weltpolitischen Geschehen fliegen die Eidgenossen dank Neutralität meist unter dem Radar. Die Schweiz wirkt da wie ein blinder Fleck auf der Weltkarte. Wie heißt noch mal das Staatsoberhaupt? Was ist die Hauptstadt? Trotz der Tatsache, dass es ein Nachbarstaat ist, beschränkt sich unsere helvetische Kenntnis oft vor allem auf Folklore. Auf Rösti, Banken, Uhren und Käsefondue. Wir haben uns mal genau im Alpenstaat umgeschaut – und ließen uns einfach treiben.

Die Schweiz ist wirklich ein besonderes Konstrukt. Allein schon politisch. Jeder weiß, dass die Eidgenossen „neutral“ und darauf auch stolz sind. Dabei ist die schweizerische Neutralität im Grunde fremdbestimmt: Als 1814/1815 beim Wiener Kongress die Grenzziehungen und die politischen Verhältnisse in Europa neu definiert wurden, war die Schweiz ein Spielball der Großmächte. Da Frankreich, Preußen und Österreich sich nicht über die Zugehörigkeit der Schweiz einigen konnten, durften die Eidgenossen selbstständig bleiben, verpflichteten sich aber, sich zukünftig aus Konflikten heraus-zuhalten. Der Staat wurde buchstäblich politisch neutralisiert – auf dass er sich im Kriegsfall nicht auf die „falsche“ Seite schlug. Die Schweiz machte daraus eine Tugend und definierte die Neutralität im Grundsatz als selbstgewählt, dauernd und bewaffnet.

Die Aare - die Schweiz im Fluss.

Aber zurück ins Jetzt. Zeit, ein paar Fragen zu beantworten. Die Hauptstadt der Schweiz? De jure gibt es keine. Das Staatsoberhaupt? Gibt es auch nicht. Fühlen Sie sich also getröstet, wenn Sie auf die eingangs gestellten Fragen keine Antwort wussten. Gleichwohl kann man die Hauptstadt auch mit Bern definieren, denn hier befindet sich de facto der Regierungssitz des Bundesrates. Und der Bundesrat bildet das kollektive Staatsoberhaupt in einem weltweit einzigartigen Direktorialsystem. Simonetta Sommaruga ist 2020 die für ein Jahr gewählte Präsidentin des Rates, wobei sie als Primus inter Pares den anderen Exekutivmitgliedern gegenüber gleichgestellt ist.

Apropos Latein. Die Schweiz ist bekanntermaßen mehrsprachig. Die Amtssprachen sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch, weswegen Latein als neutrale Sprache eine wichtige Rolle spielt. So lautet der Wahlspruch der Schweizer: Unus pro omnibus, omnes pro uno.

Schwyzerdütsch für Fortgeschrittene: Chuchichäschtli! Mit drei krachenden „ch”.

Der Leitsatz ist tatsächlich das berühmte Zitat aus Alexandre Dumas' „Musketieren“ ist: Einer für alle, alle für einen. Auch das Landeskennzeichen CH ist eine lateinische Abkürzung: Confoederatio Helvetica. Bezeichnend für die Schönheit der Schweiz ist die Tatsache, dass ihre Einwohner quasi das Heimweh „erfunden“ haben. Lateinisch auch: morbus helveticus. Denn es waren Schweizer Soldaten, die in der Fremde einst eine arge Melancholie befiel beim Gedanken an die schöne, aber ferne Heimat. Spätestens 1651 war der morbus helveticus ein medizinisch bekanntes, aber rein schweizerisches Phänomen. Erst im 19. Jahrhundert überkamen auch Bürgern anderer Staaten verzehrende Heimatgefühle – zumindest lassen sich keine früheren Aufzeichnungen dazu finden.

Viel verbreiteter als Latein ist das Schwyzerdütsch. Dieser Dialekt passt wunderbar zur ländlichen Schweiz, wo alles so klein und fein und gemütlich ist, denn das Schwyzerdütsch bringt eine gewisse Drolligkeit mit sich, weil viele Begriffe auf -i enden: Rösti, Müesli, Zückerli, Schoggli. Oder Töffli für ein Mofa. Die ultimative schwyzerdütsche Sprachherausforderung ist das Wort Chuchichäschtli mit seinen drei dicht aufeinanderfolgenden „ch“. (Ähnlichkeiten mit dem Landeskennzeichen sind rein zufällig). Dieses Chuchichäschtli bezeichnet einen kleinen Küchenschrank, also wörtlich ein „Küchenkästlein“. Um Chuchichäschtli korrekt auszusprechen, müssten Sie wissen, wie ein stimmloser uvularer Frikativ klingt. Oder Sie lassen das „ch“ ordentlich in der Kehle kratzen. Dann sind Sie auch fast da.

Da sein. Das wollen wir – und unternehmen etwas Urschweizerisches: Wir gehen baden.

„Aareschwumm” vor dem Berner Bundeshaus: Klamotten in den Schwimmsack und sich durch die de-facto-Hauptstadt treiben lassen.

Die Schweiz im Fluss: Vom Gletscher bis zum Rhein – die Aare.

Die Aare ist der Lieblingsfluss der Schweizer. Das kommt nicht von ungefähr. Die Aare verläuft über ihre gesamte Länge von 288 Kilometern komplett auf schweizerischem Gebiet. Sie entspringt hochalpin aus den Aargletschern nahe der italienischen Grenze und fließt durch alle prägenden Landschaftsformen der Schweiz: durch die schroffen Alpen, das lieblich-hügelige, aber dicht besiedelte Mittelland und entlang der nördlichen Höhenzüge des Jura. Doch nicht nur das: Die Aare ist – wie alles in der Schweiz – tipptopp sauber. Und das bringt Möglichkeiten mit sich.

Gleich fallen sie! Holmes und Moriarty am Reichenbachfall.

Aber beginnen wir an der Quelle. Oben. In den Berner Alpen. Auf 2.000 Metern Höhe. Aus Gletscherwasser geboren, stürzt sich die blutjunge Aare milchigblau und sedimentgeschwängert ein enges Tal hinab, um sich schon bald spektakulär spritzend und rauschend durch die enge Aareschlucht zu zwängen. Direkt dahinter nimmt der Fluss den Reichenbach auf, der kurz zuvor 300 Meter tief fiel. Ebenso wie Sherlock Holmes und sein Erzfeind Moriarty am 4. Mai 1891, als die beiden erbittert kämpfend den Reichenbachfall hinabstürzten. Autor Arthur Conan Doyle hätte sich hier am liebsten seines deduzierenden Meisterhirns Sherlock Holmes entledigt. Denn er war des Helden langsam überdrüssig. In Doyles Kurzgeschichte Das letzte Problem sterben beide Protagonisten am Reichenbachfall. Doch der große Erfolg der Detektivromane und der Druck von Fans und Verlegern ließen den Schriftsteller den Tod Sherlock Holmes' revidieren.

Nun ergießt sich die Aare in den Brienzersee, um am anderen Ende in Interlaken herauszukommen und sich anschließend erneut zu einem See zu verbreitern, dem Thunersee. Hier herrscht das wahre Schweizidyll: alte Holzhäuschen, grüne, blühende Wiesen, das smaragdgrüne Wasser der Seen, alles umrahmt von schneebedeckten Gipfeln. Ein paar Kilometer oberhalb von Interlaken liegt in einem Talkessel das Örtchen Grindelwald, monumental überragt vom weltberühmten Dreigestirn aus Eiger, Mönch und Jungfrau. Grindelwald ist so schön, dass es fast weh tut. Süß wie kandierte Früchte auf dem Jahrmarkt. Und damit Pflichtprogramm für Touristen aus aller Welt, insbesondere aus Asien, die juchzend und staunend den Ort überlaufen, nicht wissend, wohin sie den Fotoapparat als erstes halten sollen.

Verstehe einer die Schweizer: Von Zytglogge und Vespasienne

Hinab, hinab. Die Aare ist ein Fluss mit hoher Fließgeschwindigkeit. Auch noch, wenn sie in Thun aus dem Thunersee herausfließt, die Alpen hinter sich lassend, um breit und teils begradigt das Mittel-land zu erobern. Eine tolle Gegend, um mit dem Rad zu fahren. Oder mit dem Velo, wie man in der Schweiz sagt (lat. velox = schnell). So kommt man dann auch zügig nach Bern, wo wir das Velo gleich wieder stehen lassen, um uns beherzt in den kühl sprudelnden Fluss zu werfen.

Denn das Aareschwimmen beziehungsweise der Aareschwumm ist eine Berner Tradition. Dabei geht es nicht einfach darum, im Fluss zu baden. Nein, es gibt etablierte Strecken: Am Einstiegspunkt steckt man seine Kleidung in einen Trockensack, wirft den Sack ins Wasser und sieht zu, dass man hinterherkommt. Dann lässt man sich, halb treibend, halb schwimmend, den Fluss hinabgleiten. Das machen die Berner richtig gerne. Auch mal kurz in der Mittagspause als kleine Erfrischung.

Ohnehin, Bern: Was für eine schöne Stadt! Die Aare zieht eine dramatische Schlaufe durch die pittoreske Altstadt, in deren Zentrum der Zytglogge steht. Das Bundeshaus thront über der Szenerie. Moment. Zyt..., was? Zytglogge. Schweizerdeutsch für Zeitglocke.

Zytglogge in Bern. Zeit, sich zu erleichtern ...

Der Zeitglockenturm ist eine bekannte Sehenswürdigkeit; ein mittelalterlicher Wehrturm mit astronomischer Uhr, Glockenspiel und einem Pissoir. Piss..., was? Einem Pissoir. Oder wie die Schweizer sagen würden: Vespasienne … Gut – holen wir kurz aus. Tatsächlich befindet sich an der Nordseite des Turms ein öffentliches und halboffenes Pissoir mit drei Buchten, in denen Mann sich stehend erleichtern kann. Ein ungewöhnlicher Ort, zugegeben. Als würde man an den Kölner Dom strullen. Nehmen wir das so hin. Aber wieso heißt das hier Vespasienne? Mit Motorrollern hat das auf jeden Fall nichts zu tun. Sondern mit einem römischen Kaiser.

Vespasian, oder mit vollem Herrschernamen Imperator Caesar Vespasianus Augustus, lebte zu Zeiten Christi und darf sich auf die Fahne schreiben, Bauherr des Kolosseums zu sein. Ferner war er für sein Talent bekannt, die Staatseinnahmen zu mehren. So erließ er eine Latrinensteuer auf öffentliche Toiletten, worüber sich sein Sohn und Nachfolger Titus beklagte. Vespasian hielt ihm daraufhin eine Münze aus dieser Steuer unter die Nase und fragte, ob sie stinken würde. Titus verneinte und sein Vater erklärte: „Atqui e lotio est.“ („Und doch ist es vom Urin.“) Über die Zeit wurde daraus die Redewendung Pecunia non olet – Geld stinkt nicht. Eine Prämisse, der Schweizer Notenbanken bis heute folgen.

So wie ein Fluss, bleibt auch die Zeit nie stehen

Gar nicht weit den Fluss hinunter fließt die Aare in den Bielersee, an dessen schmalem Nordufer die Stadt Biel liegt. Ein Blick auf die Uhr: Wir müssen uns sputen, denn unser Artikel nähert sich bereits dem Ende, die Aare aber noch längst nicht ihrer Mündung. Dass die Uhr aus Biel kommt, ist gar nicht so unwahrscheinlich. Denn Biel ist eine echte Uhrenmetropole: Swatch, der größte Uhrenkonzern der Welt, hat hier seinen Sitz. Ebenso gehobene Marken wie Omega, Ebel und Maurice Lacroix. Rolex unterhält hier einen Produktionsbetrieb. Und auch Victorinox, bekannt als Hersteller der weltberühmten Schweizer Taschenmesser, produziert in Biel Uhren der Marke Swiss Army Watch. Außergewöhnlich ist das neue Hauptquartier von Swatch und Omega im Bieler Zentrum. Wie ein Drache windet sich ein gewölbtes Gebäude durch die Stadt, ein Dach wie aus Schuppen.

Wie ein Drache schlängelt sich das neue Swatch Omega Hauptquartier durch Biel.

Von Biel aus fließt die Aare vergleichsweise gemächlich durch das nahezu flache Mittelland. Sie passiert Solothurn, Aarau und Brugg und ist weiterhin ein schöner Fluss. Aber es ist nicht nur der begrenzten Zeichenzahl dieses Artikels geschuldet, dass es nicht mehr viel zu erzählen gibt. Doch halt – eines noch!

Am Ende ihrer Reise durch die Schweiz mündet die Aare im schweizerischen Koblenz in den Rhein. Das klingt erst mal ganz selbstverständlich. Gevatter Rhein ist schließlich ein mächtiger Strom, der viele Zuflüsse schluckt. Mit der Aare verhält es sich ein bisschen anders: Dort, wo Rhein und Aare zusammenfließen, ist die Aare der größere, wasserreichere Fluss. Aber auch der kürzere. Es sind gerade mal 16 Kilometer Längenunterschied, 16 Kilometer, die der Rhein bei Koblenz länger ist als die Aare, 16 Kilometer, die die Aare zum Rheinzufluss machen und nicht umgekehrt. Andernfalls läge Köln an der Aare.

Also: Wie ist es, das Klima in der Schweiz? Das Klima in jenem neutralen Staat, das im Index der menschlichen Entwicklung Platz 2 einnimmt? Es kann nur gut sein, oder? Es gibt Kritiker der Neutralität – auch in der Schweiz. Aber offenbar tut sie dem Land gut. Und auch wenn die Schweiz besonders vom Klimawandel betroffen ist, so ist sie landschaftlich noch immer ein Traum. Manchmal wirkt der Alpenstaat nahezu märchenhaft. Wie eine eingekapselte, bessere Welt. Aber der Klimawandel und der Übertourismus (auch mit seinem massiven Corona-Einschnitt) stellen die Eidgenossen vor große Herausforderungen. Doch schließen wir mit Robert Walser, dem Schweizer Schriftsteller, der die kollektive Schweizer Befindlichkeit mit den Worten auf den Punkt brachte: Ohne Achtsamkeit beachte ich alles.

Das Swatch Omega Hauptquartier
2019 eröffnete Swatch nach fünf Jahren Bauzeit seinen neuen Hauptsitz in Biel. Das spektakuläre Gebäude wurde von Shigeru Ban, Gewinner des Pritzker-Preises, entworfen und ist eine der weltweit größten Holzkonstruktionen. Das Quartier erstreckt sich über 240 Meter Länge und 35 Meter Breite als gewölbte Fassade mit einer Fläche von über 11.000 Quadratmetern. Das außergewöhnliche Design bricht mit den Konventionen klassischer Bürohaus-Architektur, ist aber zugleich pragmatisch und nachhaltig – siehe das Interview mit dem Planungsbüro Transsolar auf den folgenden Seiten. Kampmann lieferte für das Swatch Omega Hauptquartier Venkon Fan Coils in Sonderausführung.