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„Der Klimawandel erzeugt einen Klimawandel“

Er ist ein ausgewiesener Experte im Bereich Klimatechnik und hat selbst zu dessen Weiterentwicklung beigetragen: Hermann Ensink weiß als Geschäftsleiter Innovation und Technik um die anspruchsvolle Verquickung von technischem und atmosphärischem Klima.

Hermann Ensink

Hermann Ensink

Es gibt diese eine Anekdote, die wohl bezeichnend ist für die Art und Weise, wie sich Hermann Ensink der Lösung eines Problems annähert. Gemeinsam mit dem damaligen Geschäftsführer und heutigen Gesellschafter Heinrich Kampmann saß er 1993 nach einem Messetag bei einem Bier in der Hotel-Lobby und sinnierte darüber, wie sich der Lufterhitzer gleichzeitig funktional und ansprechend gestalten ließe. Einer plötzlichen Eingebung folgend griff Ensink zu einem Bierdeckel und skizzierte einen sechseckigen Lufterhitzer – der Ultra war geboren und wurde zu einem der größten Erfolge Kampmanns. Selbstverständlich entwachsen die Ideen des Diplom-Ingenieurs nicht immer einem Feierabend-Bier. Aber dass er stets den Bedarf des Marktes unter Berücksichtigung der technischen Trends im Blick hat, zeigen viele seiner Produktentwicklungen. Schon vor über 25 Jahren sorgte Hermann Ensink dafür, dass Kampmann-Produkte nicht nur heizen, sondern auch kühlen können. So hat er im Laufe seiner 40-jährigen Betriebszugehörigkeit das Unternehmen Kampmann mitgeprägt.

Herr Ensink, sich mit Ihnen über Gebäudeklima zu unterhalten ist naheliegend. In den vergangenen Jahren sind Sie sicherlich auch häufiger mit dem atmosphärischen Klima in Berührung gekommen …

Bei Kampmann dreht sich alles um das Thema Klima, es bedeutet uns und mir sehr viel. Dem Begriff kann man sich dabei unterschiedlich annähern: zunächst einmal technisch. Während meines Studiums stand er lediglich für die vier thermodynamischen Funktionen heizen, kühlen, be- und entfeuchten. Noch heute unterhalten sich die Fachleute über die richtige Definition, der allgemeine Sprachgebrauch hat diese Diskussion längst eingeholt. Klima ist auch ein Inbegriff dafür, wie man seine Umgebung empfindet. Nicht umsonst beschäftigen wir uns als Fachleute für Gebäudetechnik insbesondere mit dem Klima in Gebäuden. Interessant ist zu beobachten, dass sich dabei der Fokus beim Gebäudeklima ändert: Früher stand das Heizen im Vordergrund, jetzt ist es das Kühlen und Lüften.

Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ja, nicht zuletzt ist der Begriff im Zuge der Diskussion um den Klimawandel sehr aktuell und gesellschaftsrelevant geworden.

Klima Demonstranten mit Plakaten

Den geforderten Systemwechsel kann man auch auf die HLK-Branche übertragen: Für eine nachhaltigere Klimatisierung.

Greta Thunberg streikt mit „Fridays for Future“ für das Klima, die Grünen erzielen bei Wahlen Rekordergebnisse. Sollte nicht gerade die Klimabranche proaktiv vorangehen, statt nur auf Gesetze und Verordnungen zu reagieren?

Unbedingt, die Branche könnte viel mehr tun. Letztlich erzeugt sozusagen der Klimawandel einen Klimawandel: Die Erderwärmung zwingt uns, die Gebäudeklimatisierung neu und regenerativ zu denken.

Ausgerechnet in Lingen wurde im Sommer 2019 mit 42,6 °C die höchste jemals in Deutschland gemessene Temperatur erreicht. Müsste die Kühlung angesichts solcher Hitze nicht eigentlich ein Megatrend sein?

Ist es auch. Klimaanlagen im Auto, in öffentlichen Gebäuden, Einkaufspassagen, Supermärkten und Hotels sind heute selbstverständlich. Aber nicht immer ist das gut für unser globales Klima. Gerade die einfachen Anlagen sind extrem schädlich. Somit trägt der Name Klimaanlage zwei Gesichter: Einerseits sorgt sie für Wohlbefinden, andererseits für eine Umweltgefährdung, die unter Umständen aus kleinen Klimaanlagen mit schädlichen F-Gasen hervorgeht.

Eine bittere Ironie: Die Sommer werden immer wärmer und die Nachfrage nach Gebäudekühlung steigt. Dafür setzt man Kältemittel ein, die die  Erderwärmung vorantreiben. Ist sich die Klimabranche dieses Teufelskreises bewusst?

In Europa dringt immer mehr die Erkenntnis durch, dass wir auf möglichst natürliche Weise für Kühlung sorgen sollten. Insbesondere in Fernost und jenseits des Atlantiks ist dies noch nicht der Fall. Dort werden Gebäude teilweise noch übertrieben stark gekühlt und Anlagen mit sehr umweltschädlichen Kältemitteln eingesetzt. Entweicht aus einer solchen Kältemittelanlage ein Kilogramm R410a, hat dies das gleiche Umweltschädigungspotenzial wie eine 32.000 Kilometer lange Fahrt in einem Mittelklassewagen. Rechnet man noch die desolaten Installationen hinzu, besteht hier enormes Potenzial zur Einsparung von F-Gasen.

Die F-Gase-Verordnung schränkt die Herstellung klimaschädlicher Kältemittel schrittweise ein. Wie reagiert die HLK-Branche?

Die Verordnung ist ein Segen für Klima und Branche gleichermaßen. Sie zwingt uns, natürliche Kühlmethoden und Kältemittel einzusetzen wie Wasser oder auch R32. Letzteres ist allerdings brennbar. Deshalb plädieren wir dafür, Kältemittel nur in Außengeräten einzusetzen, etwa in Kaltwassererzeugern. Stehen sie zum Beispiel auf dem Dach, kann nicht viel passieren. Die Verteilung der Kälte – und gegebenenfalls auch Wärme – erfolgt dann über das ungefährliche Wärmeträgermedium Wasser. Mit dieser Technik können unsere Kunden sehr gut umgehen. Ihr Einsatz ist in der Regel sogar wirtschaftlicher, wenn man eine freie Kühlung integriert und bedenkt, dass der Wartungsaufwand im Vergleich zu VRF- oder VRV-Anlagen deutlich geringer ist.

„DIE ERDERWÄRMUNG ZWINGT UNS, DIE GEBÄUDEKLIMATISIERUNG NEU UND REGENERATIV ZU DENKEN.“

Noch spannender ist die Entwicklung, die die indirekte Verdunstungskühlung genommen hat, auf die die Kampmann Gruppe schon lange setzt. Doch es scheint, als würde sich diese Technologie jetzt erst wirklich durchsetzen.

Vollkommen richtig. Kampmann hat ihr enormes Potenzial schon vor 15 Jahren erkannt, dagegen kaum ein anderer Hersteller von RLT-Geräten. Ich hätte erwartet, dass die Implementierung in den Markt deutlich schneller geht, weil es sich um ein natürliches, energetisch sehr effizientes Verfahren handelt. Das ist heute unbestritten. Durch den hohen Verdunstungswirkungsgrad erreichen wir mit unserem Ka2O-System Temperaturen, die oftmals ausreichend sind, um ein Gebäude ohne mechanische Kälteanlage zu kühlen. Mittlerweile bietet jeder RLT-Gerätehersteller indirekte Verdunstungskühlung an. Ein staatlicher Zuschuss vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, den es seit 2019 gibt, leistet – je nach adiabatem Wirkungsgrad – einen zusätzlichen Beitrag zur Implementierung. Kampmann beispielsweise erreicht circa 96 Prozent adiabaten Wirkungsgrad und damit eine optimale Förderung – wie kaum ein anderes System.

RLT-Geräte auf dem Dach

Bedarfsgerecht klimatisieren, zum Beispiel mit Kampmanns Hybrid ECO System.

Was macht die Ka2O-Technologie so besonders im Vergleich zu anderen RLT-Geräten mit indirekter Verdunstungskühlung?

Wir produzieren einen Wärmetauscher, der nicht nur auf den „Wärmeaustausch“, sondern auf die Verdunstung von Wasser in der Abluft hin konzipiert ist. Durch eine stetige Nachverdunstung auf der hydrophilen Wärmetauscheroberfläche erreichen wir einen optimalen adiabaten Wirkungsgrad. NOVA verarbeitet das System in seinen RLT-Geräten. Die zum Patent angemeldeten Komponenten kommen wiederum aus dem Hause Kampmann. Wir haben aufgrund der erhöhten Nachfrage nach Ka2O jüngst die Produktionskapazitäten verdoppelt.

„KAMPMANN HAT DAS ENORME POTENZIAL DER INDIREKTEN VERDUNSTUNGSKÜHLUNG BEREITS VOR 15 JAHREN ERKANNT.“

Welches System sehen Sie in der Zukunft als federführend?

Es kommt immer darauf an. Wird eine Anlage mit Luft betrieben, zum Beispiel zur Kühlung eines Verbrauchermarktes oder eines großen Foyers, ist die indirekte Verdunstungskühlung die optimale Lösung. Geht es jedoch um Büroräume, die individuell beheizt, gekühlt und in geringem Maße auch gelüftet werden müssen, bietet sich ein Kaltwassersatz mit dezentralen Geräten im Raum selbst an. Eine Mischung aus beidem stellt die dezentrale Lüftung dar, die raumbezogen heizt, kühlt und zentral lüftet.

Stichwort Energieeffizienz: Wie weit kann man Wärmerückgewinnung noch treiben?

Ich denke, dass wir im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit längst an energetisch sinnvolle Grenzen gestoßen sind. Noch mehr Wärmerückgewinnung wird mit höheren luftseitigen Druckverlusten und damit höherer Ventilatorleistung erkauft. Aber nicht immer benötigen wir derart hohe Grade an Wärmerückgewinnung, sie können in bestimmten Witterungssituationen sogar kontraproduktiv sein.

„WIR SOLLTEN DAHINKOMMEN, DASS WIR NUR DORT UND IN DEM UMFANG LÜFTEN, WO FRISCHE LUFT BENÖTIGT WIRD, UND NUR DORT KÜHLEN, WO RÄUME DROHEN, ZU WARM ZU WERDEN.“

Welchen Aspekt sehen Sie denn in Zukunft als wichtig an?

Heizen, Kühlen und vor allem Lüften nach Bedarf. Wir sollten dahin kommen, dass wir nur dort und in dem Umfang lüften, wo frische Luft benötigt wird, und nur dort kühlen, wo Räume drohen, zu warm zu werden. Für all das hat die Kampmann Gruppe mit ihren Markenprodukten von Kampmann, emco Klima und NOVA die entsprechenden Systeme. Die dezentrale Klimatisierung von emco Klima sorgt für eine individuelle Lüftung der Räumlichkeiten, geregelt nach dem tatsächlichen Bedarf. NOVA mit dem System Ka2O sorgt für eine äußerst umweltfreundliche Klimatisierung. Kombiniert wird das Ganze im Kampmann Hybrid ECO System, das bedarfsgerecht lüftet und individuell heizt oder kühlt. Dieses System wird in vielen Verbrauchermärkten, aber auch in Hotels erfolgreich eingesetzt. Wenn diese Anlage dann noch durch eine intelligente, möglichst noch vorausschauende Regelung auf die Bedürfnisse der anwesenden Personen reagiert, kommen wir einem Null-Energie-Gebäude schon sehr nahe.

Sie feiern bald Ihr 40-jähriges Firmenjubiläum. Wenn Sie zurückblicken: Wie viel hat die TGA-Branche von 2020 noch mit der von 1980 gemein?

Nicht sehr viel. Zu Anfang meiner Tätigkeit ging es immer um möglichst hohe Wärmeleistungen. Der Wärmebedarf eines Gebäudes hat sich mittlerweile um mehr als zwei Drittel reduziert. Über Heizen spricht kaum noch einer. Ich bin überzeugt, dass wir früh die Zeichen der Zeit erkannt und unser Produktportfolio den Bedürfnissen des sich ändernden Marktes angepasst haben. Wir liefern heute deutlich mehr Produkte für das Lüften und Kühlen als für das Heizen.

Wo sehen Sie Kampmann in zehn Jahren?

Ich sehe ein Unternehmen, das im Bereich der TGA ein umfassendes, energetisch optimiertes, intelligentes Produktprogramm für jeden Anwendungsfall bietet. Es wird keine Standard-Lösungen für alle Fälle geben, vielmehr solche, die dem jeweiligen Bedarf angepasst sind. Produkte werden nicht mehr nur nach Herstellungs- und Betriebskosten betrachtet, sondern nach der Behaglichkeit, die sie erzeugen, nach energetischen Gesichtspunkten und der bedarfsgerechten Nutzung. Die Produkte und Systeme werden intelligent. In jedem kleinen Gerät wird es eine Regelung mit Datenerfassung geben, die sich selbst optimiert.

All diese Beispiele verweisen auf unseren Kernanspruch: unseren Kunden und Partnern ein verlässlicher Lösungsfinder zu sein. Dabei möchten wir konzeptionell wie auch technisch der Branchen-Vorreiter sein, der stets ganzheitlich und nachhaltig denkt und handelt.